Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)

Zsuzsa Frisnyák: Die Telegrafie

188 Die Depesche war der Begleiter der protokollarischen Veranstaltungen, wie z. B. bei Hofreisen. Bis zur Jahrhundertwende sind die Werte für Budapest im Hinblick auf die Anzahl der Telegrafenämter pro 1.000 Personen nicht mehr herausragend. Zwischen den ungarischen Städte gab es einen infrastrukturellen Investitionswettbewerb — und als dessen Ergebnis reduzierten einige Provinzstädte (natürlich im Verhältnis zu deren Bevölkerung) ihr Modemisierungsdefizit. Bis zum Jahre 1913 lag in 25 Stadtgemeinden des Landes die Zahl der Telegrafenämter pro 100.000 Personen zwischen 5,6 und 34,7. Budapest (13 Telegrafenämter/100.000 Bewohner) befindet sich im unteren Drittel der Rangliste. Die Telegrafenämter der Hauptstadt gehörten aber in die Gruppe der verkehrsreichsten. 1913 betrug der Depeschenverkehr in Budapest verglichen mit dem Bevölkerungsanzahl 2,8 Depeschen/Bewohner.1 Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich die Nutzung des Telegrafens ausgeweitet hätte, eher hatte die Zahl der Menschen zugenommen, die den Telegrafen benützten, und er wurde ein fester Bestandteil bei der Geschäftsabwicklung in den Unternehmungen. Zusammenfassend ist aber festzuhalten, dass das Telegrafieren nicht zu einem festen Bestandteil des Alltags wurde. Wie aus Hinweisen in Lebens­erinnerungen hervorgeht, erweckte die Depesche in der Privatsphäre eher Furcht — sie bringt schlechte Nachrichten (Tod). Eine Depesche zu bekommen oder aufzugeben war eine seltene und außergewöhnliche Angelegenheit Die Depesche wurde als neue Kommunikationsmöglichkeit vor allem wegen ihrer Schnelligkeit wichtig - sie wurde dann benützt, wenn es die Art der Information erforderte. Die Depesche trat nicht in die Fußstapfen des traditionellen, schriftlichen Nachrichtenaustauschs. Deshalb ist es möglich, dass der hohe Bedarf der hauptstädtischen Bevölkerung an Kommunikation nicht durch die Zahl der Depeschen pro Einwohner am besten ausgedrückt werden kann, sondern viel mehr durch die Zahl der Briefpostsendungen pro Einwohner.1 2 Der Anzahl der Depeschen in Relation zu den Einwohnern spiegelt- als Information - eher die Position, die eine Stadt im Femhandel und überregionalem Warenverkehr einnimmt. 1 Im Jahr 1913 wurde Budapest hinsichtlich der Telegramme pro Person nur von Neusatz (4,3 Depeschen/Person) überholt. Der seit dem Anfang der 1890er Jahre in ausgeglichenem Tempo wachsende Telegrammverkehr von Neusatz steigerte sich gegen 1909 und vergrößerte sich von dieser Zeit an stark. Die Eigenheiten der Stadt als Drehscheibe des Warenverkehrs spiegeln sich auch in der Orientierung der Telefonanrufe: 1913 machen die inländischen Fernanrufe etwa 1,5 % der Ortsgespräche aus - Neusatz wird auf Landesebene nur von Miskolc überholt. In Budapest betrugen diese kaum 0,4 %. 2 Die Anzahl der Briefpostsendungen pro hauptstädtischen Bewohner wächst in dieser Zeit dynamisch. 1900 80 Stück/Person, 1913 schon 155 Stück/Person.

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