Ausstellungskatalog „Revolution 1848”

Thomas Kletečka: Einleitung zur Ausstellung

Ausstellung 3. März -31. August 1998 versagt, daß sich das Wiener Kabinett genötigt sah, die gesamte Administration der Militärgewalt zu übertragen. Zudem war die Stadt zum Hauptan­laufspunkt der radikalen polnischen Emigration ge­worden So war es nur eine Frage der Zeit, bis es zur einer ernsten Krise kam. Sie kam 26.4.1848 Ein Volksaufstand mündete m blutige Barrikaden­kämpfe. Doch das gut organisierte Militär konnte nach relativ kurzer Zeit den Aufruhr niedere chla- gen und die Aufständischen zur Kapitulation zwin­gen. Dies war das erste Mal, daß die Staatsmacht in Österreich der Revolution anders als mit Zuge­ständnissen begegnete und hatte zweifellos weit­reichende Bedeutung für spätere Entwicklungen. Doch inzwischen setzte die Regierung auf eine politi­sche Lösung der anstehenden Probleme. In Galizi­en begann die ruthemsche Bevölkerung, wenn auch zaghaft, ihre Emanzipation einzufordem. In einer Adresse vom 19.4.1848 an Pillersdorf verlangte sie die Gleichstellung auf sozialem, nationalem und religiösem Gebiet. Diese von Stadion unterstützte Eingabe fand im Ministerrat eine wohlwollende Aufnahme. Am 2.5.1848 konstituierte sich als Ge­gengewicht zur polmschen Rada narodowa die ruthenische Holovna rada ruska, wobei nicht ganz klar ist, ob dies mit direkter Unterstützung Stadi­ons oder nur mit seiner Zustimmung geschehen war. Fest stand jedenfalls, daß der Gouverneur sofort den Nutzen der ruthemschen Intentionen für seine Politik erkannte. Denn eine eigenständige ruthemsche Bewegung konnte nur den polnischen nationalen Zielen hinderlich sem, d. h. eme mögli­che Abspaltung Galiziens vom österreichischen Kaiserstaat verhindern helfen. Um die sich ihm bie­tende neue Möglichkeit in die Praxis umzusetzen, griff er auf eme alte Idee zurück - die Trennung der Provinz in zwei administrative Teile. Waren früher für Stadion die verwaltungstechnischen Aspekte ausschlaggebend, so standen nun eindeu­tig national-politische Motive im Vordergrund, da er die Teilung an der Sprachengrenze festlegen wollte. Sein Vorschlag kam im Ministerrat wieder­holt zur Sprache und obwohl Stadion Anfang Juni die Leitung Galiziens abgab, um sich an das kai­serliche Hoflager in Innsbruck zu begeben, schloß sich die Regierung trotz mancher Bedenken letzt­lich doch seinen Absichten vollinhaltlich an. Mit der Beschickung des konstituierenden Reichstages schoben die Polen die Verwirklichung ihres Traums von Eigenstaatlichkeit vorläufig auf, da sie damit de facto die Einheit des Reiches anerkannten. Und die Konsolidierung der Reaktion in ganz Europa gegen Ende des Jahres 1848 rückte diesen Traum in noch weitere Feme. Ein weiterer potentieller nationaler „Brandherd“ der Habsburgermonarchie lag m Böhmen Parallel zur Wiener Bewegung begann sich auch das liberal­nationale Tschechentum zu organisieren Die noch vor dem 13.3.1848 einberufene St.Wenzelsbad­versammlung ging daran, eme Petition zu verfas­sen, in der sie ihre nationalen, staatsrechtlichen und sozialen Wünsche formulierte Nach Erhalt der Nachrichten über die kaiserlichen Zusagen von bür­gerlichen Freiheiten ging eine Deputation nach Wien ab, um diese Petition zu überreichen, sie wurde auch am 22.3.1848 von Ferdinand empfan­gen. Die am nächsten Tag erfolgte, in den Augen der Tschechen unbefriedigende Antwort führte dazu, daß das St.Wenzelsbadkomitee eine neue, viel weitergehende Petition ausarbeitete. Die Forderun­gen betrafen die Sicherstellung der tschechischen Nationalität m allen Länder der böhmischen Kro­ne, d. h. die Gleichstellung der tschechischen Spra­che mit der deutschen auf allen Ebenen des öffent­lichen Lebens, die Errichtung einer Zentralbehör­de für dieses Königreich, und die, wenngleich un­ter den gegebenen Umstanden moderate Demokra­tisierung der Landesvertretung. Zugleich wurde darin das Verbleiben der böhmischen Länder im Verband der Gesamtmonarchie als Garantie für die Erfüllung dieser Wünsche bezeichnet. Die Anlie­gen dieser zweiten Prager Petition, die ebenfalls durch eine Abordnung nach Wien gelangte, wur­den nach Beratungen im Ministerrat durch das kai­serliche Kabinettschreiben vom 8.4.1848 in den wichtigsten Punkten bewilligt. Dieser Vorgang war von höchster Bedeutung für die künftige politische und nationale Entwicklung der Tschechen. Denn die bewilligten Forderungen stellten im Grunde ihr für Jahrzehnte gültiges politisches Programm, den Austroslawismus, dar Wurde die St.Wenzelsbadbewegung wegen ihrer all­gemeinpolitischen Bestrebungen noch von einem Teil der Deutschböhmen mitgetragen, sollte es sich bald zeigen, daß die nationalen Gegensätze zwi­schen Deutschen und Tschechen diese gemeinsa­men Interessen in den Hintergrund drängten. Deut­lich wurde dies zunächst in dem berühmten Ab-

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