Manfried Rauchensteiner: Waffentreue – Die 12. Isonzoschlacht 1917

Manfried Rauchensteiner: Einleitung

keuchten und hasteten sie vorwärts, ohne Rast, ohne Schlaf, ohne Nahrung - seit Tagen - nur vorwärts, vorwärts, hielt der Maler und Zeichner Ludwig Hesshaimer das Bild fest, das sich ihm schon im Raum Codroipo-Latisana bot. Einst eine Schar blühender Jünglinge, nun gealterte, ausgemergelte Männer aus unseren Alpen, schwer beladen und gebückt, ein Zeltblatt über den Kopf gezogen als dürftigen Schutz gegen Sturm und Regen, groteske Gestalten ... Die erbitterten, bis zum Wahnsinn überanstrengten Österreicher waren von ihren Offizieren nicht mehr zu halten ... Am Abend dieses furchtbaren Tages lagen die Kämpfer unter und zwischen den Toten, selbst halbtot, schliefen stöhnend und verkrampft den Kämpfen des neuen Tages entgegen.5 Die Verfolgung endete auch, da die Deutschen Ende November mit dem Abzug ihrer Truppen begannen und ihn so zügig fortsetzten, dass sie ebenso schnell, nämlich im Großen und Ganzen innerhalb eines Monates, wieder aus Italien verschwunden waren, — so, wie sie gekommen waren. Was sich in einer gedrängten Darstellung so zügig liest, tangierte aber schon seinerzeit viele Ebenen - und tut es noch heute. Daher lohnt es auch immer wieder, sich mit dem Geschehen am Isonzo, an Tagliamento und Piave zu beschäftigen und jenen Krieg der Urgroßväter, der schon längst historisch geworden ist, weiter zu historisieren. Da ist zunächst einmal die Dimension des Geschehens, die kaum vergleichbar scheint. Schließlich waren zwei Heeresgruppen der Mittelmächte mit fünf Armeen an der Offensive beteiligt, und davon vielleicht 400.000 Soldaten unmittelbar in die Kämpfe verwickelt gewesen. Die Italiener hatten demgegenüber vier Armeen eingesetzt gehabt, von denen eine mehr oder weniger komplett aufgerieben und eine weitere schwer dezimiert worden war. Rund 10.000 Italiener waren gefallen, dreimal so viele verwundet worden, 265.0006 (andere zählten 293.000 Italiener)7 wurden kriegsgefangen und 400.000 waren auf der Flucht. Sie wieder aufzuhalten, militärisch zu disziplinieren und neuerlich in den Kampf zu schicken, gelang nur mit drastischen Maßnahmen, nicht zuletzt standrechtlichen Erschießungen. Die italienische Politik und Historiographie sah in dem Geschehen zeitweilig ein revolutionäres Aufbegehren schlecht behandelter und schlecht geführter Soldaten, was sicherlich nur zum Teil richtig war.8 Aber das Zusammentreffen von russischer Revolution und der teilweisen Auflösung des italienischen Heeres lud natürlich dazu ein, Parallelen zu ziehen. Man sprach von 5 Hesshaimer, Ludwig: Miniaturen aus der Monarchie. Ein k. u. k. Offizier erzählt mit dem Zeichenstift, hrsg. von Okky Offerhaus. Wien 1992, S. 221 f. 6 Military Operations Italy 1915-1919 (History of the Great War, ed. Imperial War Museum 1991), S. 103. 7 Österreichisches Bundesministerium für Landesverteidigung und Kriegsarchiv (Hrsg.): Österreich-Ungams letzter Krieg 1914-1918, Bd. VI: Das Kriegsjahr 1917. Wien 1936, S. 710. Das Werk bezieht sich auf den italienischen Untersuchungsbericht und zitiert Bd. I, 373 f. 8 Gooch, John: Series Editor’s Preface. In: Morselli, Mario A.: Caporetto 1917. Victory or Defeat? London-Portland 2001 (Cass series: Military history and policy 8), S. VII-XI, hier S. IX f. 7

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