Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße
5. Lorenz Mikoletzky, Das Parlament
LORENZ MIKOLETZKY 5. DAS PARLAMENT Die militärische Niederlage Österreichs gegen Sardinien am 24. Juni 1859 bei Solferino wirkte auch nachhaltig erschütternd auf die Innenpolitik des Habsburgerstaates. Das absolutistische System konnte einfach nicht mehr so wie bisher weiterwirken, wozu auch der sich verschärfende Nationalitätenstreit kam, der den Ruf nach Neuordnung des Staates noch lauter werden ließ. Vor allem in den österreichischen Kronländem mußte eine Wendung zum Konstitutionalismus versucht werden. Und so verkündete die Regierung am 20. Oktober 1860 das „Oktoberdiplom“, das in gesamtstaatlicher-zentralisti- scher Weise einen Reichsrat vorsah, der auch die Länder der Stephanskrone einschließen und dem vor allem die Gesetzgebung in fiskalischen und militärischen Angelegenheiten obliegen sollte. Mit dem „Febuarpatent“ des folgenden Jahres erhielt der Staatsumbau eine „endgültige“ Fassung und begann damit den Weg des „Parlamentarismus“ zu beschreiten, der trotz dieser beiden Staatsurkunden noch lange und beschwerlich sein sollte. Für den nunmehr ins Leben gerufenen Reichsrat benötigte man aber auch ein Gebäude. Daß sich die Staatsführung sehr lange nicht zur Errichtung eines eigenen Hauses für die neue Institution entschließen konnte, lag wohl zum Teil an der geschichtlichen Entwicklung: Fand doch die erste parlamentarische Versammlung in Kremsier 1848/49 nach verhältnismäßig kurzer Zeit ihr Ende und praktisch kam der 1861 für die Gesamtmonarchie vorgesehene Reichsrat auch nie zustande. So blieb es vorerst bei Provisorien, wobei die Abgeordneten in einem aus Brettern errichteten Bau („Schmerlingtheater“) nahe der heutigen Währinger Straße und das Herrenhaus bei den niederösterreichischen Ständen in der Herrengasse zusammenkamen. Im Zuge der „Erweiterung der Inneren Stadt Wien“ nach 1857 wurde im Laufe der Jahre auch ein Plan diskutiert, für die beiden Häuser auf dem Paradeplatz des Glacis ein gemeinsames Gebäude zu errichten, an der Stelle, wo jedoch die Stadt Wien ihr neues Rathaus hinstellen wollte (Kat. Nr. 5/1, 5/3). Trotz einer vorerst nicht möglich erscheinenden Einigung zwischen Staat und Magistrat wurden 1864 Architekten eingeladen, Pläne für ein Abgeordneten- und ein getrennt davon zu errichtendes Herrenhaus auszuarbeiten (Kat. Nr. 5/5). Als Bauplätze waren damals vorgesehen: Das Abgeordnetenhaus an der Stelle, wo heute die Akademie der bildenden Künste steht, das Herrenhaus ungefähr an dem Platz, wo später das Palais Epstein (heute Stadtschulratsgebäude) errichtet wurde - interessanterweise wurden diese beiden Bauten dann auch von Theophil Hansen errichtet, der sich mit anderen Ringstraßenarchitekten schon an der ersten Planung im Jahr 1864 beteiligt hatte. Nach diesem Concours wurde jedoch lediglich eine Ausstellung der Entwürfe veranstaltet, wobei sich der dänische Künstler mit seiner Form der „römischen Renaissance“ für das Abgeordnetenhaus auf die römische Republik bezog und die Rolle des Herrenhauses in der konstitutionellen Monarchie mit dem Stil griechischer Demokratie gleichsetzte. Dieses Ge39