Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße

4. Lorenz Mikoletzky, Die Votivkirche

LORENZ MIKOLETZKY 4. DIE VOTIVKIRCHE „Getrieben von individuellem Fanatismus, ohne Auftrag und verbrecheri­schem Raffinement“ verübte am 18. Februar 1853 der ungarische Schneiderge­selle Johann Libényi ein Messerattentat auf Kaiser Franz Joseph. Die Erinne­rungen an das Jahr 1848 waren noch sehr wach, in Wien herrschte nach wie vor der Belagerungszustand und der Herrscher erfreute sich keineswegs allgemein seiner späteren, durch langjährige Regierungszeit bedingten Popularität. Der Anschlag gab Gelegenheit den hervorgerufenen Schock für die Steigerung des Ansehens des Kaiserhauses zu nützen. Der Hof schickte den sehr populären Kaiserbruder, Erzherzog Ferdinand Max vor, der wenige Tage nach dem Ereignis einen Aufruf, der wahrscheinlich von seinem ehemaligen Rechtslehrer Johann Perthaler angeregt worden war, erließ, in dem es unter anderem hieß: „Den Frevel möge ewige Nacht bedecken, doch unsere Freude und Dankbarkeit soll sich ein Denkmal gründen, welches bis in die fernste Zukunft von ihr ein würdiges Zeugnis gebe... Ein Gotteshaus wird das schönste Denkmal sein, durch welches Österreichs Dankbarkeit und Freude sich der Welt ankündigen kann. Ich wende mich daher an Alle... und lade sie ein, durch ihre Beiträge möglich zu machen, daß zu Wien eine dem Zwecke entsprechende Kirche erbaut werde. Eine nähere Andeutung über den Ort läßt in diesem Augenblicke des ersten Entwurfes sich noch nicht geben. Es ist zu wünschen, daß dieses Gotteshaus im gothishen Style errichtet werde, welcher ohne Zweifel am besten geeignet ist dem Aufschwünge und Reichthu- me des christlichen Gedankens durch die Baukunst einen Ausdruck zu geben. Dazu sind allerdings sehr bedeutende Summen erforderlich..." Es bildete sich ein Baukomitee, dem neben Ferdinand Max der Fürsterzbischof von Wien, der Fürstbischof von Seckau, der Innen- und der Kultusminister, der niederöster­reichische Statthalter sowie der Bürgermeister der Reichshaupt- und Resi­denzstadt angehörten. Es wurde eine allgemeine Ausschreibung für den Kir­chenbau (an der sich auch Ausländer beteiligen konnten) verfaßt, wobei als Honorar „1000 Stück Ducaten in Gold“ für den besten der zunächst bis 1. November 1854 abzuliefernden Entwürfe vorgesehen wurde. Der Endtermin ist dann bis 31. Jänner 1855 verlängert worden. Gegen die Möglichkeit auslän­discher Teilnahme wurde opponiert, da doch dieser Kirchenbau „in patrioti­scher Absicht aus Beiträgen des Patriotismus, in Österreich errichtet werden soll“. Die angesprochenen Spenden kamen auch zunächst aus allen Gegenden der Monarchie und betrugen am 14. März 1853 schon mehr als 400.000 Gulden. Gleichzeitig aber waren, trotz unzähliger Ergebenheitsadressen, die vielen kritischen Stimmen zu diesem „Huldigungswerk“ des Hauses Habsburg nicht zu überhören, „daß, wie Erzherzogin Sophie sagt, einem die Haare zu Berge stehen“. Bei Konkursschluß lagen insgesamt 75 Arbeiten vor, wobei auch Entwürfe eines italienischen Grafen, eines Baseler Mathematikdozenten und eines Mai­31

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