Prékopa Ágnes (szerk.): Ars Decorativa 29. (Budapest, 2013)
Balázs SEMSEY: Irreguläre Ornithologie. Angaben zur (Um)Gestaltung der Interpretation eines Motivs
Abtes Eugen Schmidt zwischen 1724 und 1727 verfertigt, wohl nach dessen Konzeption. Die von Karl Hofreiter gemalten, die Szenen des Lebens des Hl. Benedikt von Clairvaux sowie die Kirchenväter darstellenden Fresken sind von Stuck-Ornamenten umgeben, die von dem italienischen Jacopo Appiani stammen. Die Bücherschränke und die Empore um den Saal ist die Arbeit des Waldsassener Tischlermeisters Andreas Witt. Die Büsten, die die Giebel der Schränke schmücken und antike Philosophen darstellen, die Brüstung der Empore, sowie die tragenden Konsolfiguren wurden von Johann Karl Stilp (1668— 1735/36), einem in Waldsassen geborenen, aber damals in dem naheliegenden Eger (Cheb, Tschechien) tätigen Schnitzer geschnitten.22 Die an der Wand aufgereihten zehn Konsolfiguren sind beinahe lebensgroß; die eine langhaarige Gestalt mit gefesselten Händen trägt eine Kutte, während auf ihrem Kopf als Mütze mit ausgebreiteten Flügeln ein Vogel thront und ihr in die Nase kneift. (Abb. 6) Vom ikonografischen Programm der Bibliothek sind weder originale Handschriften, noch zeitgenössische Aufzeichnungen erhalten geblieben, so ist die Deutung der Ausstattung - und hauptsächlich der grotesken Konsolfiguren - bereits seit langem Gegenstand verschiedener Spekulationen.23 Leonia Lorenz, Schwester des Zis- terzienserinnenordens, bestimmte die Statuen in ihrem 1927 erschienenen Werk als allegorische Darstellungen von Berufen, die sich mit den Büchern verbinden lassen - vom Schriftsteller, Drucker und Buchbinder ganz bis zum Leser hin.24 So sei laut der Hypothese - die der Funktion des Saales schließlich schon passt, jedoch von störenden Widersprüchen belastet ist - die Gestalt mit dem Vogel auf dem Kopf ein 7. Bemalte Kassette an der Decke der reformierten Kirche in Magyarvalkó, Lőrinc Umling d. Ä und d. /., 1778 (Foto: Margit Kiss, 2008) Irrlehrer der Kritikaster. Eine plausiblere, jedoch durch schriftliche Quellen nicht unterstützte Theorie formulierte Bruno Müller, der in den Gestalten die Mitspieler des erstmals 1494 in Basel erschienenen satirischen Werkes Das Narrenschiff von Sebastian Brant (1457-1521) zu entdecken glaubte. Die Figuren seien Verkörperungen der Irrfahrten der sündigen Welt.25 Müller identifizierte unsere Gestalt mit der Figur des ungeeigneten Geistlichen, der im Buch, in Kapitel 73 auftaucht. Der Text von Brant führt den Vogel nicht an, der attributive Charakter der Darstellung macht jedoch auf die heuchelnde Natur des Nasen-Besit- zers aufmerksam.26 Obwohl die Identifizierung der Konsolfiguren weiterhin eine Frage ist, scheint es 47