Prékopa Ágnes (szerk.): Ars Decorativa 29. (Budapest, 2013)
Balázs SEMSEY: Irreguläre Ornithologie. Angaben zur (Um)Gestaltung der Interpretation eines Motivs
Terminologie ist das Motiv als Vogel Selbsterkenntnis bekannt, und macht auf die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis aufmerksam. Dieser Darstellungstyp verbreitete sich im 17. Jahrhundert, seine Wurzeln reichen jedoch bis in die Antike zurück.4 Ähnliche vogelartige Kreaturen der Fantasie, auf deren Körper ein menschliches Gesicht erscheint, sind bereits auf gravierten Kameen aus der Römerzeit zu begegnen.5 (Abb. 3) Die die Darstellung häufig begleitende lateinische Sentenz - Nosce te ipsum (Erkenne dich selbst) - hat ihren Ursprung ebenfalls in der Antike: traditionell stand diese Aufschrift (natürlich in griechischer Sprache: rvti)0L aeatrtöv) über dem Eingang des Tempels in Delphoi.6 Das Packen der Nase ist jedoch ein Element aus der Neuzeit, das eine besonders anschauliche Visualisierung der in zahlreichen Formen bekannten deutschen Redensart Nimm dich bei der eigenen Nase ist. Diese Redewendung bezieht sich auf eine alte normannische Rechtsgewohnheit, wobei der bei einer Lüge oder Beschimpfung ertappte Schuldige seine Sünde gestehen musste, indem er dabei seine Nase packte.7 So weist also der Vogel durch das Eingeständnis unserer Fehler und Schwäche auf den Weg hin, der zur richtigen Selbsterkenntnis führt; dies wird durch die auf verschiedenen Denkmälern erscheinenden - mal knapperen, mal längeren - Erklärungen ebenfalls bekräftigt. Ohne Aufschrift ist die Darstellung jedoch etwas enigmatisch, die manchmal mit seltsamen Erklärungen verbunden war. Die nächste, von mir bekannte Analogie des Schlittens des Budapester Kunstgewerbemuseums ist ein sehr ähnlich strukturierter, ebenfalls aus süddeutschem Gebiet stammender, bemalter und geschnitzter Rodel, der sich in der Sammlung des Württembergischen Landesmuseums befindet.8 Die Studenten des ursprünglichen Kollegs der Jesuiten veranstalteten von Jahr zu Jahr satirische Schlittenfahrten, und aus diesem Anlass dürften die Schlitten benutzt worden sein; vor Beginn der Fastenzeit hatten die maskierten Studenten in der Prozession das Ziel, die Zuschauer mit den irdischen Freuden zu konfrontieren, und sie dadurch zum Verzichten auf diese anzuspornen.9 Auf der Spitze der schwunghaft gebogenen und oben zusammentreffenden Kufen - dem Schlitten der Delhaes-Sammlung ähnlich - ist ein Vogel platziert, der aufgrund der charakteristischen Bemalung seines Gefieders mit einem Storch zu identifizieren ist; der Vogel zielt mit seinem Schnabel eben auf die große Nase des auf seine Brust geschnitzten menschlichen Gesichtes. Aus einer tiefer greifenden Untersuchung ist jedoch hervorgegangen, dass der krönende Schmuck und der Sitz, in das 18. Jahrhundert datiert, wahrscheinlich sekundär auf den Schlitten gelangten, nachdem das Holzgerüst erst später, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden war.10 Der Zusammenhang zwischen den zu einem enthaltsamen und tugendhaften Leben mahnenden Faschingsprozessionen sowie den die richtige Selbsterkenntnis fördernden Darstellungen bedarf keiner längeren Erklärung. Dementsprechend ist es auch klar, dass die Kufen und das Holzgerüst, die infolge der starken physischen Inanspruchnahme in die Brüche gegangen sind, mit der Zeit ausgewechselt worden sind, wobei der geschnitzte Schmuckteil erhalten geblieben ist. Damit lässt sich auch erklären, dass sich in mehreren Sammlungen lediglich fragmentarisch erhaltene Schlittenköpfe befinden. Eine ähnliche, den vorher Genannten entsprechende Schnitzarbeit ist auch in der Sammlung des Wiener 43