Imre Jakabffy (szerk.): Ars Decorativa 8. (Budapest, 1984)
SZILÁGYI, András: Fortleben einer mittelalterlichen Komposition im 16—17. Jahrhundert
ausgeschlossen, dass der weiteren Forschung gelingen wird eine noch spätere, d. h. nach 1632 entstandene Variante aufzufinden, doch scheint diese Möglichkeit fast unwahrscheinlich zu sein. Eine vor etwa hundert Jahren auf getretene Tendenz beginnt nämlich gegen Mitte des 17. Jahrhunderts sich rasch zu verstärken. Das wesentliche hiervon liegt darin, dass die Mehrzahl der aus dem Mittelalter vererbten Kompositionslösungen zu dieser Zeit immer seltener vorkommen. Teils wurden sie völlig ausgelöscht, teils erhalten sie in gewissen Kunstgattungen eine ganz abweichende, neue Erscheinungsform. 20 Merkwürdigerweise kommt diese Tendenz im Falle der Werke, die nicht von Katholiken, sondern von Lutheranern gestiftet wurden, in gewissem Masse auch zur Geltung. Nimmt man die Grundtypen der in der Frühzeit der Reformation ausgebildeten Darstellungen in Betracht, gewinnt man den Eindruck, dass sie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mehr oder weniger fortlaufend weiterleben. Wenn auch es im Bereich der protestantischen Ikonographie kaum die Rede von einer scharfen Wendung ist, lässt sich in der Behandlung der häufigsten Bildtypen doch eine gewisse Änderung beobachten, derer Anfang ebenfalls etwa auf die Mitte des 17. Jahrhunderts fällt. Die ersten Spuren dieser Tendenz tauchen vor allem in der Kunstgattung der Druckgraphik, undzwar in der Bibelillustration auf. Statt die relativ häufig zitierten, bekannten Beispiele vorzuführen, verweisen wir auf das Auftreten und spätere Vorkommen einer Komposition, die mit unserem Thema in inhaltlichem Zusammenhang steht. Zur Zeit der raschen Verbreitung der Lutherischen Reformation, im Jahre 1563 verfertigte der Nürnberger Balthasar Jenichen einen Holzschnitt, der unter dem Titel „Wappen Christi" bekannt ist (Abb. 9. HOLZSCHNITT VON BALTHASAR JENICHEN, NÜRNBERG, 1563 9). 21 Durch Verwendung der auf die Leidensgeschichte und Verklärung des Herren hinweisenden symbolischen Motive, vor allem durch die Diagramm-artige Darstellung der „fünf Wunden Christi" lässt sich dieser Stich mit den spätmittelalterlichen Kompositionen ähnlichen Inhaltes in Verwandtschaft bringen. Eine schriftliche Angabe bestätigt, dass diese eindeutig retrograde, in der Tradition der spätgotischen Kunstwerke wurzelnde Komposition B. Jenichens auch in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts vervielfältigt wurde. 22 Ihr Weiterleben ist in der zeitgenössischen 10. PASSIONSWAPPEN, RELIEF- UND PERLENSTICKEREI, UNGARISCH, 1597. SCHATZKAMMER DER KATHEDRALE, ESZTERGOM