Imre Jakabffy (szerk.): Ars Decorativa 1. (Budapest, 1973)

KISS, Ákos: Die Entwicklung der kunstgewerblichen Bewegungen und das Entstehen der Kunstgewerbemuseen

drungenen grossen Künstler unserer Zeit rückerstatten denselben deren gesellschaftliche Aufgaben; nach der durch Ruskin angeregten Rehabilitation des Handwerks, verwirkli­chen nunmehr die Prominenten mittels ihrer Formentwürfe für Keramik, Textilkunst und sonstige Gewerbezweige die Integration der Künste. 5 *' Nichts kann uns gegen die Uniformi­sierung des modernen Lebens besser beschützen, als das Künstlerische in den gewerblichen Formen der menschlichen Umgebung. Die Blütezeit der Stilperiode im Historismus samt der bewussten Rolle der Zier- und Ge­werbekünste, die zu deren Diensten gegründeten Museen und Lehranstalten für Kunstge­werben, die Entwicklung der Bestrebungen von Künsten mit nationalen Gepräge: all dies wurde annähernd während des gleichen Zeitraumes verwirklicht. Nachdem diese Ära nun­mehr der Vergangenheit angehört, erscheint die Frage: falls alle diese, mit den Institutio­nen des vergangenen Jahrhunderts verbundenen Bestrebungen grösstenteils nicht nur ver­schwanden, sondern die umfassenden künstlerischen Stile so oft verurteilt wurden, im be­sten Falle als uninteressant galten, welche sind überhaupt die gegenwärtigen und zukünf­tigen Aufgaben der Kunstgewerbemuseen? Im Zusammenhang mit dem Erscheinen des neuen Stils hegte F. Wickhoff — vielleicht als erster — bereits am Jahrhundertsende Zweifel bezüglich Zukunft der Kunstgewerbemuseen, da er der Ansicht war, dass mit dem Untergang der Epoche der Wiederholung historischer Stile auch jener Grund entschwun­den sei, der dieselben ins Leben gerufen hatte. 80 Jedoch Lessen die Ansprüche und Hoffnungen, die Umgebung des Menschen mit schönen, inhaltsreichen Formen auch in unseren Tagen umzugestalten, ganz und gar nicht nach. In den Zeiten des Historismus verursachte die zum Bewusstsein erwachenden Kunstgewerben gleichzeitig auch die Trennung der einzelnen Kunstzweige: an eine Wiederherstellung der Einheit der Künste sind wir heute wieder nähergerückt. Zwischen bildenden und gewerb­lichen Künsten kann ein Unterschied höchstens je nach ihren Zweckdienlichkeiten aner­kannt werden. Das Studium der Formen vergangener Jahrhunderte ist keineswegs mehr Vorbedingung des gewerbekünstlerischen Schaffens; dieselben wirken allerdings als eine Bürde des Bewusstseins, mitunter als ein unerwünschter Ballast in unserer Gegenwart weiter; in der Form des Musée imaginaire bezaubert die längst vergangene Zeit unser Heute mehr denn je. Letzten Endes ist doch das Kennzeichen jedes guten kunstgewerblichen Erzeugnisses der seine Form gefundene Inhalt. Die Bedingungen der Ästhetik von industriellen Massen­produkten werden nicht mehr in den Museen geschaffen. Doch muss das Gewerbemuseum der Gegenwart mit allem Neuen Schritt halten, es muss die wegweisenden Pionierer­scheinungen der Künste erkennen. In der Formkultur unserer Gegenwart sind viel zahl­reichere, komplizierte, mit der Vergangenheit wenn auch indirekt weiterhin verbundene Faktoren vorhanden, als bei der Gründung der Kunstgewerbemuseen gegeben sein konn­ten. Der bisher bedeutendste Leiter des ungarischen Kunstgewerbes, Jenő Radisics, sah bereits zu seinen Lebzeiten die Begrenztheit der zukünftigen Aufgaben seines so sehr ge­liebten Museums voraus. Unter diesen veränderten Umständen, doch seiner einheimischen und internationalen Ver­gangenheit getreu, tritt nunmehr das ungarische Museum für Kunstgewerbe seine zweiten hundert Jahre mit dem Bewusstsein an, dass es die Hoffnungen seiner Gründer nur dann erfüllen kann, wenn es dem Geiste Jenő Radisics's getreu, jederzeit der wachsame, wis­sentliche Wahrnehmer aller künstlerischen Srömungen seines Zeitalters bleibt. 25

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