Ferenc József: Kleiner Unitarier-Spiegel. Kurzer inbegriff der geschichte, der dogmen, der kirchenverfassung und der ceremonien der unitarier-kirche (Bécs, 1879)
II. Dogmatik
40 Unitarier Spiegel. wohl, dasz wo der Glaube beginnt, dort nimt die Grenze des Wissens ihr Ende. — Wir halten es aber keineswegs für unrichtig, auch des Glaubens-Gegenstande der Kritik der gesunden Vernunft zu unterziehen; aus welchen Gründen könnten wir an sonst beurtheilen was wir glauben — und was wir nicht glauben sollen?! Bezweifeln wir das Recht der gesunden Vernunft, so ist in der Religion jeder Aberglaube berechtiget — und der Glaube an ein Exorcisiren, an ein reinigendes Feuer, an die Heiligen darf in irgendwelchem Glaubenssystheme ebenso Platz greifen, wie der Glaube an Gott.— Kurz, wir legen dem gesunden Verstände eben deszwegen grosse Wichtigkeit bei, weil wir ohne denselben für Tritt und Schritt unzähligen Irrthümern ausgesetzt wären. — Indesz weiset uns ja die heilige Schrift selbst dahin, indem sie sagt : „Prüfet Alles, und was gut ist das behaltet.“ Bezüglich der zweiten Beschuldigung — als ob nämlich die unitarische Religion blosz ein scharffes Läugnen wäre— und könne sohin auf die Vortheile der positiven Religionen keinen Anspruch haben, — erlauben wir uns hier die Grunddogmen der unitarischen Religion in thunlichst bündiger Fassung folgen zu lassen: 1 .) Jede Religion gründet in dem Glauben an Gottes Dasein. — Die Unitarier-Glauben auch, dasz Gott, der ewige und seiner Wesenheit—so wie auch seiner Perron nach einzig und alleine da ist. —- Er ist die vollkommenste Seele — der Urgrund' — der Urheber und der Herr des All's, den E r erschaffen hat, E r aufrecht erhält und E r gemäsz seiner weisesten Zwecke regieret. — Dieser Gott ist nicht ein Auszer der Welt — sondern ein in derselben lebendes Wesen. —Wie der Apostel sagt: „W ir leben, wir bewegen, und w i r sind in [hm Alle.“ — Sein Geist durchdringet und belebet Alles. — Er ist der liebende, der fürsorgende Vater der Menschheit ;— wir Alle sind seine ebenbürtiggleiche Kinder — und sohin unter einander Geschwister. — Einzig und allein dieser Gott kann der menschlichen Seele Anbetungs-Gegenstand sein ; einzig und allein in Ihn — als den Born der Gerechtigkeit — der Liebe, der Güte und der Heiligkeit, den gerade diese Eigen