Die Erste internationale Jagd-Ausstellung Wien, 1910. Wien-Leipzig, 1912 / Sz.Zs. 424

I. TEIL. Der Führer durch die Ausstellung. Von Dr. Adolf Stengl, k. k. Forstrat

Der Führer durch die Husftellung. Frankreich. Das Repräfentationsbaus Frankreichs war eine Nachbildung des Schlößchens »La Muette« in den Forften von St. Germain-en-Laye. Ludwig XV. errichtete das­felbe an Stelle eines Luftfchloffes, das Franz I. am Rückwege vom erften italienifcben Kriege nach Abfcbluß des Bündnisvertrages von Noyon mit Karl V. im Jahre 1516 aufführen ließ. Darüber finden ficb in »Gefcbichte und Altertümer von St. Ger­main--en--Laye«, ohne Nennung des Verfaffers im Jahre 1815 herausgegeben, nacbftebende Mitteilungen: »Das Schloß ,de la Muette', errichtet über Huftrag Franz I., ift am Waldes­rande eines überaus anmutigen Ortes gelegen. Anfänglich bloß Jagdzwecken dienend, war es nur ein ganz kleiner Ziegelbau mit einem geräumigen Vorbof, umgeben von einem Graben. Bis zur Befitjübernabme durch Ludwig XIII. wurden an ihm keine Reparaturen vorgenommen, fo daß es dem Verfalle nahe war. Erft diefer Fürft, ein leidenfcbaftlicber Jäger, ließ es inftand fe^en und daran eine Kapelle anbauen, welche im Jahre 1663 durch den Vorftand des Priorates von St. Germain-en-Laye eingeweiht worden ift. Ludwig XIV. fcbenkte das Schlößchen einem feiner Jägerunterleutnants, namens Compiégne, der infolge eines Unfalles, wie folcbe oft Leuten zuftoßen, die mit Feuerwaffen zu fcbaffen haben, fein Leben einbüßte. ,La Muette' war dann nicht mehr bewohnt. Ludwig XV. gab Auftrag, ,La Muette' wieder aufzubauen, von der nur mehr Refte übrig waren, nachdem fein Befi^vorgänger befchloffen hatte, den .kleinen Park' bis zur ,La Muette' auszudehnen und der mit der Durchführung der betreffenden Arbeiten betraute Forftmeifter de la Rofe die Mauern abtragen ließ, um das Abbruchmaterial für neuaufzurichtende Mauern verwenden zu können. Vollendet wurde der Bau erft unter Ludwig XVI. Heute dient ,La Muette' ausfcbließlicb Jagdzwecken. Rechts hiervon bat man ein Haus aufgeführt, in dem Hoch wildgruppe von Gardet vor der »La Muette der Jagdauffeber wohnt.« Das in der Ausftellung nach Plänen des Chefarchitekten der fran­zöfifchen Regierung Guilleaume Troncbet errichtete Gebäude bedeck­te eine Area von 350 Quadratmeter. Vor dem Haupteingang war an der Seite der Feftavenue eine um mehrere Stufen erhöhte, mit einer Baluftrade umgebene Terraffe vorgelagert, die beiderfeits von zwei Hochwildgrup­pen, modelliert von Bildbauer Gardet, flankiert war. Es find dies die Ori­ginalmodelle für Bronzegüffe, welche die Stadt Paris am Eingang ins Boulogner Wäldeben an der Porte Dauphin aufzuteilen beabfichtigt. Der Bau, einfach in der Linien­führung und man möchte fagen nüchtern in der Formgeftaltung, be= ftand aus einem einftöckigen Gebäu­de mit einem in der Mitte vorfprin­genden Pavillon. Unter dem Dache lief um das Ganze ein wuchtig aus­ladendes Gefimfe. Ein fogenanntes Manfardendacb, mit Schiefer gedeckt, trug einen kleinen Glockenturm, der in Wirklichkeit als Auslug für den Jagdbüter dient. Das Interieur war für den kon­kreten Zweck entfprechend umge­ftaltet und beftand vor allem aus »Das Frühftüd-i im Walde.« Gobelin aus der Serie Maximilianifcber Jagdftücke. »La Muette«. einem achteckigen großen Salon, in den man von der Terraffe eintrat. Rechts und links vom Eingang hin­gen zwei große Wandteppiche aus der königlichen Gobelinmanufaktur, wertvolle Stücke aus der Serie von Jagdftücken Ludwig XV., gezeichnet Oudry 1741 und Montmerqué 1746 bis 1747. Das eine, »La Curée« (Jä­gerreebt) benannt, ftellt einen Jagd­burfchen in der Mitte einer Meute dar, der auf einem Jagdfpeer eine Wilddecke hält. Daneben Fanfaren blafende Jäger. Auf dem zweiten, »le Relai« (frifebe Meute) fab man im Hintergrunde jenfeits einer Brücke galoppierende Jäger, im Vordergrunde Jagdburfcben beim Abkoppeln der Hunde; ein Jäger erteilt ihnen Befehle. Die Bordüre diefer zwei Gobelins ftellte einen Goldrabmen aus Mufchel-, Stäbcben­und verfchiedenem Zierornamenten dar. Zu oberft das Wappen Frank­reichs zwifeben Flügelpaaren; in den Ecken die Initialen des Königs in grau und rofa Schildern. An den abgeftumpften Ecken des Saales hingen Gobelins aus dem ausge­henden XVII. Jahrhundert aus der Serie »Des Dieux Termes« (Die Götter der warmen Quellen). Das Meublement beftand aus trefflichen Nachbildungen des Schreibtifcbes »de Cboiseul« (Louvre-Mufeum), der Kommode der Königin Maria Antoinette (Louvre-Mufeum), einer Pendeluhr mit Neptungruppe (Trianon­Mufeum) und einem verglaften, mit Bronzeeinlagen gezierten Bücberfcbranke, auf dem die Biifte des Prä­9 I. Teil. 65

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