Die Erste internationale Jagd-Ausstellung Wien, 1910. Wien-Leipzig, 1912 / Sz.Zs. 424
II. TEIL. Die Ausstellung und das Jagdwesen - II. ABSCHNITT. Die Jagd und deren Betrieb
Das Pferd und die Jagd. Das Exekutivkomitee hat fieh auch nach Maßgabe der verfügbaren Örtlicbkeit einmütig für das Prinzip der temporären Ausftellungen ausgefproeben und bei deren Abgrenzung und Durchführung von vorneherein in erfter Linie die Gebraucbsricbtung in der Verwendung zur Jagd als maßgebend bezeichnet, ohne hierbei auf das fachlich fo hochwichtige Moment der Pferdezucht als foleber zu vergeffen. Es wurde nunmehr befcbloffen, die Pferdeausftellungen in zwei verfebiedenen Gruppen, die der Frühjahrs- und der Herbftausftellung zu veranftalten, wobei im Frühjahr der Gebrauch und die Verwendungsart zur Jagd zum Ausdruck gebracht werden, die Herbftausftellung dagegen der Darftellung der Pferdezucht dienen follte. Zwifcben diefe beiden Gruppen fiel eine Paufe, die durch andere Aufteilungen auf dem gleichen Platje auszufüllen war, da die Leitung der großen Ausftellung in diefer Richtung bin Verpflichtungen übernommen hatte. Nach dem unter diefen Gefichtspunkten verfaßten allgemeinen Programme wurde an die Bildung des großen Ausftellungskomitees gefebritten, das aus vielen Liebhabern, Fachmännern und Intereffenten zufammengefetjt, fieb im Palais des Präfidenten der Pferdeausftellung Sr. Exzellenz Grafen Larifcb verfammelte und welchem die allgemeinen Gefichtspunkte zum Vortrag gebracht wurden, die als zur Durchführung der Ausftellung maßgebend und feftftebend zu gelten hätten. Bei diefer großen Verfammlung, bei welcher das öfterreiebifebe wie das ungarifebe Ackerbauminifteriutn durch Delegierte vertreten war, wurde die hochwichtige Mitteilung gemacht, daß die beiden Ackerbauminifterien fieb bereit erklärten, bei der Durchführung der Zucbtausftellung als Ausfteller auftreten und die ftaatlicben Pferdezucbtanftalten zur Anfcbauung bringen zu wollen. Durch diefe fo hochwichtige Mitteilung unterftü^t, konnte das Exekutivkomitee nunmehr an die Durchführung der ihm zugewiefenen Aufgabe febreiten. Die kurze Spanne Zeit, die vor Eröffnung der erften Pferdeausftellung am 14. Mai 1910 nocb zur Verfügung ftand, mußte mit Zuhilfenahme aller Arbeitskräfte in intenfivfter Weife ausgenützt werden. Die einzelnen Mitglieder des Exekutivkomitees konnten die Agenden untereinander in der Weife verteilen, daß jedes Mitglied des Komitees eine temporäre Ausftellung zur Durchführung übernahm, fieb zu diefem Zweck ein Spezialkomitee zufammenfetjte und ein Spezialprogramm entwarf. Daraus ergab fieb nunmehr das feftzuftellende Programm, welches darin beftand, fechs Abteilungen von temporären Ausftellungen durchzuführen, und zwar: 1. die Ausftellungen von Equipagen und Gefpannen (14. bis 17. Mai), 2. Ponies und Tragtiere (21. bis 24. Mai), 3. Reit- und Jagdpferde (28. Mai bis 4. Juni), 4. Zugpferde (27. bis 30. Auguft), 5. Geftüte in zwei Serien (3. bis 6. und 10. bis 13. September), 6. Staats-Pferdezucbtanftalten, und zwar: a) öfterreiebifebe Staats-Pferdezucbtanftalten (17. bis 20. September), b) ungarifebe Staats-Pferdezucbtanftalten (24. bis 27. September). In den fechs Abteilungen wurden in acht Expofitionen zirka 1400 Pferde zur Schau gebracht. Über die Exponate gaben die einzelnen, für jede Expofition verfaßten Kataloge nach jeder Richtung die nötigen Details. Diefe Kataloge bilden für den Fachmann einen wertvollen Erinnerungsbebelf an die verfloffene Ausftellung einen fachlichen Wegweifer zur Orientierung über diefe große Veranftaltung. An der Hand der Kataloge, die als Nacbfcblagbucb benütjt werden können, bietet fieb ein bleibender Rückblick über das Gefehene. Daß man in Öfterreich-Ungarn und fpeziell in Wien zu fahren verftebt, das ift wohl eine weitbin längft bekannte Tatfache, und fomit war es die Aufgabe des unter Führung des Grafen Rudolf Kinsky flehenden Komitees für die I. Abteilung, durch die Equipagenausftellung zu zeigen, daß das, was für Wien und für Öfterreich-Ungarn als altbekannter Ruf gilt, auch beute noch wahr ift, und diefer Nachweis ift dem Komitee ficherlicb gelungen. Wenngleich wir uns fpeziell in Wien in einem gewiffen Übergangsftadium befinden, wo im allgemeinen Verkehr das Kraftfabrzeug ein gewichtiges Wort mitzureden beginnt, fo ift doch die Liebe zum Pferde und zur febönen Equipage, wenn auch vielleicht momentan ein wenig in den Hintergrund gerückt, doch keineswegs verfebwunden, konnten doch bisher der Gefcbmack und die perfönliche Gefcbicklicbkeit, die unferem Sportpublikum innewohnt, durch keinerlei Erfindung der Technik befeitigt werden. Wahrlich, prachtvolle Equipagen in verfebiedenfter Form und Art der Befpannung wurden im Vorfübrungsring dem Publikum gezeigt, eine Veranftaltung, welche in der mit diefer Abteilung verbundenen Equipagenkonkurrenz ihren Höbepunkt fand. Wenn auch bie und da einzelne Gefpanne aus importierten Pferden beftanden, fo waren doch die vorgeführten Wagenpferde nahezu ausnahmslos öfterreiebifeb-ungarifeber Zucht und dadurch waren diefelben für den Fachmann nur um fo wertvoller. Mit ganz befonderer Genugtuung mußte es erfüllen, daß die eigene beimifebe Zucht in ihrer altbewährten Form als Wagenpferde, das find die Lippizaner, die unftreitig europäifeben Ruf genießen, in einer Reibe von Exemplaren zur Ausftellung kam. So konnte eine Zucbtricbtung gezeigt werden, die mit Eifer und Erfolg betrieben, nicht nur allen Anforderungen des Luxus und Gebrauches genügt, fondern auch vom äftbetifeben Standpunkt dem Scbönbeitsfinn nach jeder Richtung bin entfpricht. Die Lippizaner Zucht, aus dem im Jahre 1580 in Lippiza am Karft gegründeten Geftüte flammend, das Eigentum Sr. Majeftät des Kaifers Franz Jofepb I. ift, bat fieb weit über untere Monarchie verbreitet, teils durch die Verwendung von Lippizanern als Vaterpferde in der Landeszucht, teils durch den reinen Betrieb 111