Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Christoph Boyer: Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Österreich und der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland (SBZ) bzw. der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) (1945-1989/90)
Christoph Boyer Vertrag über die wirtschaftliche, industrielle und technische Zusammenarbeit geschlossen.28 Die verstaatlichten Stahlindustrien beider Länder, ebenso die Chemie, der Maschinenbau und die Elektrotechnik bekundeten besonderes Interesse an intensivierter Kooperation in Forschung und Entwicklung. Die Zusammenarbeit auf Drittmärkten - so etwa ein Jointventure im Kohlenbergbau — wurde durch ein weiteres Abkommen zwischen dem DDR-Außenhandelsbetrieb Maschinen-Export und der VOEST-Alpine auf eine erweiterte Gmndlage gestellt.29 Andere gemeinsame Aktivitäten auf Drittmärkten fanden im Energiesektor, in der Metallurgie, im Maschinenbau und in der Elektrotechnik statt. 1978 existierten fünf ostdeutsch-österreichische Jointventures; am bedeutendsten war das Abkommen mit der VOEST über den Export von Maschinen und Anlagen in afrikanische Länder.30 Jenseits ihrer manifesten ökonomischen Ziele und Zwecke stellten aus DDR-Sicht auch die Verträge von 1973/74 wieder hochgradig politische Instrumente dar; sie waren Mittel zur Bekräftigung der österreichischen Neutralität, ermutigende Anzeichen der Bereitschaft zur Kooperation mit den sozialistischen Ländern und ein — angeblich von der DDR bewirkter - Beitrag zur „Milderung insbesondere der politische Folgen der einseitigen Bindung Österreichs an das imperialistische Integrationssystem“. Auch auf der österreichischen Seite bildeten wirtschaftliche und politische Motive eine Einheit: das Abkommen war nicht nur als Instrument zur Stabilisierung der Wirtschaft gegen konjunkturelle Einflüsse und zur Sicherung der Exporte gedacht, sondern auch als Handhabe zur Förderung der Verhandlungen zum Vertrag über die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.31 Bundeskanzler Bruno Kreiskys Besuch in der DDR 1978 stand so ganz im Kontext entspannungspolitischer Bemühungen - die SED-Parteispitze hingegen verstand den ersten Besuch des Regierungschefs eines „kapitalistischen“ Landes als ermutigendes 28 BArch-SAPMO, DY 30, vorl SED, 16 048, Information über die Unterzeichnung des Handelsabkommens mit Österreich, am 27.8.1973 von Ministerrat der DDR übersandt an ZK- Abteilung Handel, Versorgung, Außenhandel. - BArch-B, DL 2, 6 794, Ministerium für Außenhandel der DDR, Direktive für die Verhandlungen zwischen der DDR und der Republik Österreich zum Abschluss eines Abkommens über wirtschaftliche, industrielle und technische Zusammenarbeit, 22.8.1974. 29 BArch-B, DL 2, 6 794, Bericht über den Aufenthalt einer Regierungsdelegation zur Unterzeichnung eines Abkommens über die wirtschaftliche, industrielle und technische Zusammenarbeit mit der Republik Österreich, 11 12.1974. - BArch-SAPMO, DY 30, vorl. SED, 16 048, Botschaft der DDR in der Republik Österreich/Handelspolitische Abteilung, Stand und Entwicklung der handelspolitischen Ziele Österreichs, 5.1 1.1975. 30 BArch-SAPMO, DY 30, vorl. SED, 16 048, 1. Tagung der Gemischten Kommission im Rahmen des Abkommens zwischen der Regierung der DDR und der Österreichischen Bundesregierung über die wirtschaftliche, industrielle und technische Zusammenarbeit, 11.-13.6.1975. - BArch-SAPMO, DY 30, vorl. SED 23 704, 2. Tagung der Gemischten Kommission, 5.11.1976. BArch-SAPMO, DY 30, vorl. SED 23 704, 3. Tagung der Gemischten Kommission, 30.11.1977, 31 BArch-SAPMO, DY 30, vorl. SED 23 704, Information über den Stand der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der DDR und Österreich (Material für Erich Honecker), undatiert [1978], 178