Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Gertrude Enderle-Burcel: Josef Dobretsberger - ein politischer Grenzgänger im Ost-West-Handel

Gertrude Enderle-Burcel im Nachruf - verfasst von seinem Schüler Anton Burghardt - noch „als praktizierenden Katholik“ bezeichnete,43 war im katholischen Cartellverband kein Platz. Das Ausschlussverfahren galt als „formal äußerst fragwürdig“ und „cartellrechtswidrig“. Dobretsberger wurde im Jänner 1968 von einer anderen Cartellverbindung, der Carolina, wieder aufgenommen.44 Seitens der ÖVP wurde ihm in einer Hetzkampagne „Kryptokommunismus“ vorgeworfen. „Sowjetsberger“ und „Steigbügelhalter der KP“ waren die diffamierenden Bezeichnungen für ihn. Seine Kritik am Wirtschaftskurs der Regierung, u. a. trat er gegen die Planlosigkeit beim Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft auf und übte Kritik an der Währungsreform, verstärkte noch die Distanz zur ÖVP.45 Seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen - etwa über Wirtschaftsplanung - hätten durchaus Berührungspunkte zu sozialistischen Positionen gehabt und seine von primitivem Antikommunismus freie Sicht der sozialistischen Länder wies gegenüber den beispielsweise von Otto Bauer in der Emigration verfassten Schriften über den Kommunismus wenig Differenzen auf.46 Der strikte Antikommunismus in der österreichischen Nachkriegs-SPÖ brachte Dobretsberg auch von dieser Seite Diffamierungen ein. Sozialistische Parlamentarier entdeckten in ihm den „Heimwehrfaschisten“.47 Als bürgerlicher Nonkonformist, frei von primitivem Antikommunismus, mit klarer Vorstellung über Neutralität und künftigen Ost-West-Handel sowie größerem Bekanntheitsgrad, schien er 1949 zunächst ein idealer Obmann für die Demokratische Union. Dobretsberger und das Ende der Demokratischen Union Dobretsberger brachte der Demokratischen Union durch die Jahre hinweg aber keine Wahlerfolge. Zur Finanzierung der Partei und der Aktivitäten von Dobretsberger wird für den Beginn seiner Obmannschaft für 1949 und 1950 angenommen, dass Industrielle, die am Osthandel interessiert waren, Geld gegeben hätten. Namentlich wird Dr. Hans Lauda von den Veitscher Magnesitwerken „als möglicher DU Sponsor“ genannt. Ebenso lassen sich in dieser Zeit SPÖ-Spenden Fleck: Der Fall Brandweiner, S. 85. Die Presse, 2. Juni 1970, „Prof Dobretsberger“; Artikel vom o. Prof. Dkfm. Dr. Anton Burghardt, Graz Die Details dazu vgl. Hartmann, Gerhard: Im Gestern bewährt. Im Heute bereit, 100 Jahre Carolina, Zur Geschichte des Verbandskatholizismus, Unter Mitarbeit von Dieter A. Binder, Herausgegeben von Maximilian Liebmann im Auftrag des Altherrenverbandes der K.Ö.H.V. Carolina. Graz-Wien-Köln. 1988, S. 480-484. Autengruber: Kleinparteien, S. 151. Fleck: Der Fall Brandweiner, S. 85. Fleck: Der Fall Brandweiner, S. 83. 138

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