Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Staaten konnten sich also auch in der Phase der kommunistischen Herrschaft den Mechanismen der kapitalistischen Weltwirtschaft nur teilweise entziehen. Österreichische Unternehmen können für sich in Anspruch nehmen, Ausfuhren aus dem Ostblock durch die Absatzvermittlung gefordert und im Gegenzug die Wirksamkeit des Embargos abgeschwächt zu haben. Diese besondere Vermittlungsrolle verdankt sich nicht zuletzt der österreichischen Neutralität. Die Grundsätze der Planwirtschaft wurden durch den wachsenden Austausch mit dem Westen allerdings zunehmend außer Kraft gesetzt. Die Besatzungssituation nach dem Krieg eröffnete spezifische Möglichkeiten für die Unternehmen in der sowjetischen Zone - allen voran den USIA-Komplex —, den „Eisernen Vorhang“ zu überwinden; die Kehrseite bildete die Investitions- und Kreditbarriere, die sich entlang der Zonengrenze durch Österreich zog. Aus der Kooperation der USIA-Betriebe und der kommunistischen Wirtschaftsunternehmen- wie auch aus den Ablösebedingungen für die sowjetischen Reparationsansprüche- resultierten u. a. die guten Kontakte zum Ostblock, die die Geschäftsbeziehungen in der Zeit nach dem Abschluss des Staatsvertrags erleichterten. Die politische Vorreiterrolle, die Österreich - in einer Zeit reduzierter Ost-West-Kontakte - zwischen 1955/60 und 1970 spielte, fußte im Wesentlichen auf der Neutralität, die Österreich für alle Seiten als Vermittler qualifizierte. Diese Situation schuf die Voraussetzung für den Ausbau des Ost-West-Handels zum Krisenmanagement der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Zwischen 1955 und 1970 stand die österreichische Vermittlungstätigkeit im Dienste der Kontaktanbahnung zwischen zwei unterschiedlichen ordnungspolitischen Systemen; trotz Zugehörigkeit zum Westen bildete die Anerkennung der bipolaren Koexistenz die Grundlage der österreichischen Brückenfunktion. Seit Mitte der 1970er Jahre büßten die kommunistischen Staaten das politische Primat zunehmend ein. Ost und West bauten ihr Krisenmanagement auf wachsenden wirtschaftlichen Austausch, der sich allerdings klar der kapitalistischen Weltmarktregeln bediente. Wenn Österreich hier erneut eine Vorreiterrolle übernahm, waren die Rahmenbedingungen dennoch gänzlich andere: die Vermittler im Ost-West-Geschäff wurden nun zu Agenten des Systemwechsels. Gleichzeitig waren die intermediären Aufgaben von neutralen Staaten auf internationale Organisationen übergegangen, die das Ost-West- Verhältnis in politischer (UNO, KSZE/OSZE) bzw. wirtschaftlicher Hinsicht (IWF, GATT/WTO) managten. Das Ost-West-Verhältnis, das in der Wiederaufbauperiode dem politischen Primat der sozialistischen Staatenwelt Rechnung tragen musste, unterlag im postfordistischen Zeitalter seit Mitte der 1970er Jahre der Regulierung durch die Marktregeln des Weltmarkts und seiner Institutionen. Österreichs BrUckenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs” 105

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