Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Andrea Komlosy strategische Hilfsleistung, als bei einer Veranstaltung auf beiden Seiten der burgenländisch-ungarischen Grenze im Sommer 1989 die Grenzkontrollen erstmals effektiv außer Kraft gesetzt wurden. Die einmal geöffnete Schneise setzte eine illegale Fluchtbewegung von Ostblockangehörigen, vor allem aus der DDR, in Gang, die Österreich durch die einseitige Aufhebung der Sichtvermerkspflicht legitimierte - während gleichzeitig für Polen, Rumänen und Bulgaren erneut der Visumszwang eingefuhrt wurde, ln einer militärischen Fachzeitschrift wird dieses Loch als die entscheidende Bresche interpretiert, das in der Folge den „Eisernen Vorhang“ auch an andern Orten zusammen- und schließlich ganz weg brechen ließ.105 Der Ablauf der Ereignisse gibt dieser Sichtweise Recht. Dennoch fiel der „Eiserne Vorhang“ nicht wegen eines singulären Ereignisses. Die Veranstaltung der Paneuropa-Bewegung - unter ihrem Vorsitzenden, dem Kaiserenkel Otto Habsburg - an der österreichisch-ungarischen Grenze kann allenfalls ein Anlass gewesen sein, der tiefer liegende wirtschaftliche und politische Entwicklungen zum Ausbruch kommen ließ. Seit den 1970er Jahren hatte die effektive wirtschaftliche Kooperation zwischen Ost und West so stark zugenommen, dass der „Eiserne Vorhang“ immer stärker an Bedeutung verlor. Zwar war die Öffnung gegenüber Krediten, westlichen Technologien und Importwaren unter staatlicher Ägide zu Stande gekommen, das Gefalle in der wirtschaftlichen Kooperation hatte allerdings die Steuerungsfähigkeit der Politik bald außer Kraft gesetzt. Verschuldung und Handelsbilanzdefizite hatten eine eigene Dynamik in Gang gesetzt, die das politische Primat der Planwirtschaft auf die Dauer unterminierte. Die Abschaffung des Außenhandelsmonopols und der Grenzkontrollen im Kapital- und Personenverkehr vollzogen lediglich nach, was durch die neue internationale Arbeitsteilung längst realisiert worden war. Wir kommen zur Rolle Österreichs in diesem Prozess zurück: Dieser wird hier vor allem als ökonomische Anpassung an neue weltwirtschaftliche Erfordernisse angesehen. Zur konkreten Umsetzung zweier nicht synchronisierter Systeme erforderte es jedoch eines Intermediärs, damit wirtschaftliche und politische Annäherung in Gang kommen konnte. Man kann den Intermediär, den Österreich zweifelsohne dargestellt hat, keineswegs als Triebkraft des Systemwandels darstellen. Vielmehr spielte Österreich die Rolle eines Handlangers, der in der Periode der Systemkonkurrenz durchaus eigene Vorteile aus seiner Vermittlungsposition zu ziehen wusste, mit ihrem Zusammenbrechen jedoch mit einem Mal seine strategische Position einbüßte. Österreich hat als Vermittler für das westlich-marktwirtschaftliche System geworben. So hat seine Ausstrahlung wohl auch einem Wandel durch Annäherung den Boden aufbereitet, der bei den osteuropäischen Partnern die Zielvorstellung einer möglichen Austrifizierung ihres Kernic Franz: Der „Eiserne Vorhang“. Zur Geschichte des Stacheldrahtzaunes zwischen Ost- und Westeuropa. In: Der Truppendienst 6. Wien 1991, S. 514-521, hier S. 521. 102

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