Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang König: Mit der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms

Mit der Eisenbahn aut'den Gipfel des Matterhoms Die Konzessionsbewerber versprachen sich von den Bergbahnen finanziellen Gewinn. Doch wäre es verfehlt, wie es zunächst viele Gebirgsbewohner und später die Natur- und Heimatschützer taten, ihnen ausschließlich Profitstreben zu unterstellen und sie als „Kapitalisten” und „Spekulanten” abzutun. Viele wurden auch durch intrinsische Motive geleitet. Dabei konnte es sich um die technische Herausforderung handeln, die eine Bergbahn darstellte. Allerdings wurden Metaphern wie „Herrschaft über die Natur” oder „Triumph der Technik" mehr in der allgemeinen Publizistik strapaziert als in Ingenieurkreisen. Nicht wenige Projektanten agierten als Berg- und Naturfreunde, welche ihre geliebten Gipfel möglichst vielen Menschen nahe bringen wollten. Das angestrebte Maximum an landschaftlichen Eindrücken schien nur durch ein Maximum an technischem Aufwand realisierbar zu sein. In der Bergbahn sahen sie eine Symbiose von Natur und Technik, ein ästhetisches Bauwerk in einer großartigen Umgebung, welches - so ihre Auffassung - die Landschaft nicht verunstalte, sondern eher betone. Von der Naturbegeisterung mancher Projektanten kündeten die geradezu lyrischen Landschaftsschilderungen in den Konzessionsanträgen - welche für das Verfahren keinerlei Relevanz besaßen. So konnte man in einem der Anträge von 1889 für den Bau der Wengemalpbahn lesen: Eisthäler, Abgründe, Schluchten werfen die Falten des weißen Mantels, der die gewaltigen Glieder umhüllt, und ihren Ungeheuern Umfang mißt der Besucher etwa an den sie umspielenden Wolkenzügen oder am Vogelfluge.29 Die Konzessionäre kamen nicht als Fremde in die Berge, sondern sie agierten auf vertrautem Feld und in geliebter Umgebung. Adolf Guyer-Zeller, der hartnäckige und rücksichtslose Verfechter der Jungfraubahn,’“ war ein begeisterter Bergwanderer. Die bereits genannten Leo Heer-Bétrix und Xaver Imfeld sowie Joseph Vallot, der Protagonist einer Bahn auf den Gipfel des Mont Blanc, waren renommierte Hochalpinisten. Der Einfluss der frühen Naturschutzbewegung auf den Bergbahnbau Wie erfolgreich waren die Proteste des Heimatschutzes und des Alpenclubs gegen Bahnen auf Schweizer Gipfel? Die frühe Naturschutzbewegung wandte sich 29 BA 53/6:573, Konzessionsantrag Pümpin & Herzog v. 26. August 1889. Müller-Füglistaler, Doris: Adolf Guyer-Zeller (1839-1899): Amerikanismus in der Schweiz? Entfaltung und Grenzen eines Eisenbahnuntemehmers. Zürich 1992 (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich 59). Zürich 1992. 87

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