Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang König: Mit der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms

Wolfgang König Steigerung des privaten Wohlstands gefährdeten und zerstörten die Natur. Tiere und Pflanzen verloren ihren Lebensraum, Landschaften wurden technisch-industriell umgestaltet. Kraftwerksbauten und Regulierungsmaßnahmen veränderten das Bild der Flüsse; Steinbrüche bedrohten Berge, Burgen und Felsen; Moore und Sümpfe verschwanden durch Trockenlegung. Viele Menschen erlebten den Prozess der Industrialisierung als Verlust an Heimat und Identität. Die ihnen vertraute Welt schien den Kräften des Materialismus ausgeliefert und dem Untergang preisgegeben. Dass nicht alle bereit waren, sich mit diesem als weltgeschichtlich apostrophierten Geschehen abzufinden, dokumentiert die Entstehung einer Vielzahl von Bewahrungsvereinen. Sie setzten sich für den Schutz der Vögel oder der Alpenpflanzen ein, für die Erhaltung alter Bauten oder die Pflege von Bräuchen, Volkskunst und Trachten. Im Unterschied zu diesen spezialisierten Bewahrungsvereinen verfolgte der „Heimatschutz” einen ganzheitlichen Ansatz.5 „Heimat” stand gleichermaßen für Kultur und Natur. Nach der Jahrhundertwende wurden in zahlreichen europäischen Staaten, so in Deutschland 1904, in der Schweiz 1905 und in Österreich 1912 Heimatschutzvereinigungen gegründet, die sich der Bewahrung des Althergebrachten und seiner behutsamen Fortentwicklung verschrieben. Der Heimatschutz war eine Bewegung des städtischen Bildungsbürgertums. Aus dem Handwerk und der Landbevölkerung kamen kaum Mitglieder. Wenn sich der Heimatschutz mit dem alten Handwerk, mit dem Dorf und mit der ländlichen Umgebung beschäftigte, urteilten somit die nicht unmittelbar Betroffenen. Dem elitär­patriarchalischen Heimatschutz bereitete dies keine Schwierigkeiten, verstand er seine Arbeit doch als Missionsaufgabe für das Wahre, Gute und Schöne. 5 Eine Gesamtdarstellung des Heimatschutzes in Europa liegt nicht vor. Grundlegend für den deutschen Heimatschutz: Knaut, Andreas: Zurück zur Natur! Die Wurzeln der Ökologiebewegung. Bonn 1993 (Jahrbuch für Naturschutz und Landschaftspflege. Supplement 1); für den Schweizer Heimatschutz: Le Dinh, Diana: Le Heimatschutz, une Ligue pour la Beauté. Esthétique et conscience culturelle au début du siècle en Suisse. Lausanne 1992 (Histoire et société contemporaines 12); für den österreichischen: Brück 1er, Theodor: Zur Geschichte der österreichischen Heimatschutzbewegung. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 43 (1989), S. 145-156; Nikitsch, Herbert Zur Organisation von Heimat. Die Heimatschutzbewegung in Österreich. In: Heimat. Konstanten und Wandel im 19./20. Jahrhundert. Vorstellungen und Wirklichkeiten, hrsg. von Katharina Weigand. München 1997 (Alpines Museum des Deutschen Alpenvereins. Schriftenreihe 2), S. 285-306. 76

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