Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

Frauen waren auch in öffentlichen Verkehrsmitteln besonderen Gefahren ausgesetzt, vor allem wenn sie in Krisenzeiten allein unterwegs waren, wie die Attacken in der Besatzungszeit in Deutschland gezeigt haben. Das Fehlen von Fahrerinnen kann mit der Tatsache erklärt werden, dass das Berufs­bild außergewöhnlich stark mit männlicher Identität verknüpft und durch das Ideal von Männlichkeit geformt war. Frauen wurden - auch mit Hilfe von wissenschaftlichen Studien - als physisch untauglich angesehen und von ihrer mangelhaften Körperlich­keit wurde auch gleich mangelnde geistige Fähigkeit abgeleitet. Frauen konnten nur als Lückenbüßerinnen, in Zeiten von Männermangel wie etwa in den beiden Weltkriegen, Straßenbahnen fahren. Selbst die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen im Fahrberuf konnte nicht die tradierten Ideale, die mit dem Beruf verknüpft blieben, brechen. Frauen als Fahrerinnen bleiben bis heute in der Minderheit. Öffentliche Verkehrssysteme und Schienensysteme im speziellen sind ein spezifi­scher Teil des öffentlichen Raums. Dieser Raum ist zwar öffentlich, das heißt für alle zugänglich, gleichzeitig ist er auch abgeschlossen. Im Innern einer Straßenbahn gibt es eine weitere Art von Raum, der in sich geschützt und von außen während der Fahrt nicht mehr zugänglich ist. Mit der Untersuchung des öffentlichen Verkehrs kann des­halb die schon lang kritisierte dichotomische Aufteilung zwischen öffentlicher und privater Sphäre überwunden werden. Seit geraumer Zeit folgte die historische Analyse dieser Dichotomie als Grundannahme für die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhun­derts. Sie wies den Männern die Öffentlichkeit, das Politisieren und das Produzieren zu, während Frauen das Private gestalten und verwalten sollten, ausschließlich zustän­dig galten, Haus und Familie zu pflegen und hegen. Aus Sicht der Fahrgäste ist eine Straßenbahn aber weder ein Arbeitsplatz noch ein Haushalt, vielmehr ein Ort, wo sich Frauen und Männer außerhalb der traditionellen Sphären begegnen. An einem solchen Ort können wir beobachten, wie Geschlechterbeziehungen zustan­de kommen und wie sie funktionieren. Selbst städtische Verkehrsuntemehmen als Teil der öffentlichen Dienstleistungsuntemehmen bekräftigten die Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Männer und Frauen hatten ein unterschiedliches Verhalten an den Tag zu legen, wenn sie die Straßenbahn nahmen. Männer waren dazu aufgefordert, Frauen ihren Sitz zu überlassen, Frauen dagegen war es untersagt das obere Deck der Straßenbahn zu benutzen. Darüber hinaus wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die Straßenbahn zum Ort des Schreckens, wo Frauen Angriffen und sexueller Gewalt aus­gesetzt waren. Schließlich gab es die Verkehrsplaner, die in der historischen Forschung bisher fast völlig übersehen wurden. Sie waren sehr erfolgreich darin, sich als Experten zu profi­lieren und hauptsächlich die Verantwortung für die Planungen der Verkehrsstrukturen Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse 347

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