Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse
Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse die durch die Stadt geschleust werden mussten. Seit den 1950er Jahren finden sich verstreut Bemerkungen, die die Bedürfnisse von Frauen im Verkehrsgeschehen betreffen. Wie ich bereits erwähnt habe, sahen die Planer Frauen hauptsächlich als Hausfrauen und antizipierten deren Einkaufsgewohnheiten: Allgemein ist bei der Anlage neuer Siedlungen noch zu berücksichtigen, dass hierbei die Stellung der Frau von größter Bedeutung ist. Sie will ihre Einkäufe möglichst in der Nähe tätigen.’* Die Planungen fielen dann aber meist anders aus, die Verkehrssysteme zeigten ganz andere Muster. Die geschlechtsspezifische Struktur der wissenschaftlichen Planung führte zu einer Bevorzugung von Verkehrsstrukturen, die vor allem für Männer in mittlerem Alter aus dem mittleren und oberen Bürgertum passten, also für jene Schicht, der auch die Planer angehörten. Die Planer schlugen als Verkehrslösung für die Städte vor allem den Ausbau von Straßen für Kraftfahrzeuge vor, und - wie schon weiter oben angesprochen -, waren vor allem Männer mit Autos unterwegs und vor allem sie profitierten demnach von diesen Strukturen. Selbst die öffentlichen Verkehrssysteme, die schienengebundenen vor allem, wurden so ausgebaut, damit in erster Linie viele Menschen zur Arbeit pendeln konnten. Die Planer nahmen nicht zur Kenntnis, dass Nichtberufstätige wie etwa Frauen mit Kindern andere Bedürfnisse an Verkehrssysteme haben konnten.'’ Erst in den 1980er Jahren wurde man sich in der wissenschaftlichen Planung des Problems der nicht-erwerbstätigen oder teilzeiterwerbstätigen Verkehrsteilnehmenden mit anderen Mobilitätsmustem bewusst. Dieser Wandel kam dadurch zu Stande, dass sich zum einen seit der Wende zu den 1970er Jahren ein Generationenwechsel unter den Planem abzeichnete. Jüngere, oft in der 68er Bewegung und unter dem Eindruck der Umweltproblemen sozialisierte Planer, entwickelten neue Ideen und Lösungsvorschläge zur Reduktion des Autoverkehrs und erhielten Ende der 1970er Jahre auch allmählich wichtige Positionen in Planungsämtem und an Universitäten. Parallel dazu gab es zum ersten Mal fachlich ausgebildete Frauen, die sich zu Wort meldeten. Allen voran waren es Architektinnen, die sich mit der Ausgestaltung des städtischen Raums auseinander setzten und aufzeigten, dass durch gewisse bauliche Strukturen die Bewegungsfreiheit von Frauen eingeschränkt wird. Und Verkehrsplanerinnen entwickelten erstmals Ansätze, wie die Sicherheit von Frauen speziell in schienengebundenen Transportsystemen gewährleistet werden kann. * 39 '* J ä n ec k e, Louis: Verkehr im Städtebau. Bielefeld 1954, S. 95 f. 39 Schmucki, Barbara: Der Traum vom Verkehrsfluss. Städtische Verkehrsplanung seit 1945 im deutsch-deutschen Vergleich. Frankfurt a. M. 2001 (Beiträge zur historischen Verkehrsforschung 4), speziell S. 193-196. 345