Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse
sich der heutigen Forderung nach „defensiver“ Fahrweise anzupassen und damit dem Gesichtspunkt „Sicherheit“ Geltung zu verschaffen.12 Das typisch Weibliche, das so lange als Hinderungsgrund galt, wurde nun zu Gunsten der Frauen angeführt. Auch wenn Frauen seit 1972 gleichberechtigt zum Fahrdienst zugelassen waren, änderte sich in der Realität nicht allzu viel. Ende der 1980er Jahre waren in den öffentlichen Verkehrsbetrieben in Deutschland nur 6 % des Fahrpersonals weiblich.11 Man muss hier den Schluss ziehen, dass das jahrzehntelang von Männlichkeit geprägte Berufsfeld weiterhin Männer dominierten und Frauen weiterhin ausschloss. „Männlichkeit“ setzte sich aus verschiedenen sozial geprägten Attributen zusammen. Zum einen wurde der männliche Körper selbstverständlich mit mehr Kraft in Verbindung gebracht und galt deshalb als besonders geeignet für die Handhabung von Großtechnik wie Straßenbahnen sie darstellen. Es war aber nicht nur die potenzielle physische Kraft ausschlaggebend, sondern ebenso die mentale, die abgeleitet vom Körper, freilich auch „automatisch“ größer sein sollte als bei Frauen. Zum andern war das Berufsbild traditionell von männlichen Verhaltenscodes geprägt. So hatten sich die Fahrer zu Zeiten der Einführung der Straßenbahnen im 19. Jahrhundert an militärische Regeln zu halten, wie etwa die Vorgesetzen militärisch zu grüßen. Männer mussten wie im Militärdienst Tauglichkeitskriterien genügen, wenn sie eingestellt werden wollten und auch die obligatorischen Uniformen erinnerten an den Militärdienst und waren teilweise den Armeeuniformen nachempfunden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bekleidungsvorschriften gelockert. An warmen Tagen durften die Fahrer ohne Jacke und Mütze fahren. In den 70er Jahren brachen die Verkehrsbetriebe mit der militärischen Tradition, und führten gerade im Hinblick auf ihr weibliches Personal nicht-militärische Uniformen ein. Frauen erhielten während des Ersten Weltkriegs als Schaffnerinnen und Fahrerinnen erstmals Uniformen. Interessanterweise wurde ihre Erscheinungen eher lustig denn eindrücklich und auch nicht als sehr weiblich wahrgenommen. Das änderte sich während des Nationalsozialismus. Ein pensionierter Mitarbeiter der Münchner Verkehrsbetriebe und dort sozusagen Haus- und Hofgeschichtsschreiber kommentierte die Uniformen noch 1976 wie folgt: * 11 Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse 12 Rundschreiben des Verbandes öffentlicher Verkehrsbetriebe (VÖV): Frauen dürfen Straßenbahn, Busse und U-Bahnzüge führen. Köln 19. Jänner 1972. 11 Minssen, Heiner: Arbeit und Technik im Fahrerdienst von öffentlichen Verkehrsuntemehmen. Zwischenergebnisse aus einem Forschungsprojekt Dortmund 1988 (Beiträge aus der Forschung 26), S. 5. 343