Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse Während jeder Mann zu erfahren sucht, welche Apparatur mit den Schalthebeln in Verbin­dung steht, ist den Frauen dies höchst gleichgültig. Bei den späteren Unterweisungen über die technischen Einzelheiten zeigt sich dann weiter eine sehr geringes mechanisches Verständnis und Interesse. [...] Beim Fahren selbst fehlt die ruhige Art des Arbeitens, die den guten Führer kennzeichnet, oft wird wild drauflos gefahren, oft kurz und zu spät gebremst. [...] Bei unerwartet eintretenden Gefahren wird laut aufgeschrieen, eine plötzliche Ratlosigkeit setzt ein und alle vorgeschriebenen Schaltungen, mögen sie auch noch so gut bekannt und eingeübt gewesen sein, werden im Affekt vergessen oder doch wenigstens nicht ausgeführt.25 Frauen mangele es aber auch an Autorität gegenüber dem Publikum und sie wären zu schwatzhaft: Es scheint den Führerinnen eine Qual zu sein, ihren Dienst stumm verrichten zu müssen. Mit Vorliebe wird mit den Fahrgästen eine Unterhaltung angeknüpft, befindet sich aber zufällig eine Kollegin auf dem Wagen, so wird unter allen Umständen mit dieser dauernd gesprochen. Die Gespräche der Fahrgäste werden dauernd belauscht, und nur zu leicht ist die Führerin geneigt, sich an einer Unterhaltung, die sie gar nichts angeht, zu beteiligen oder sich doch mindestens umzusehen.26 Frauen blieben durch ein speziell auf Männer zugeschriebenes Berufsbild vom Fahr­dienst ausgeschlossen. Ein Berufsbild, das sehr stark von der Vorstellung der männli­chen Physis und Leistungsfähigkeit geprägt und zusätzlich mit der sozialen Einschrei­bung vom männlichen Charakter verstärkt wurde. Dieses Konglomerat an Ideen rund um das Ideal vom Straßenbahnfahrer wurde 1940 durch das Verbot von Fahrerinnen zementiert.27 28 Es hatte aber niemand etwas dagegen, wenn sie als Schaffnerinnen technische Auf­gaben wie Bremsen, Steuern bei Rückwärtsbewegungen, Türmanipulationen und Stromabnehmerbedienung durchaus verdienstvoll erfüllten. Frauen wurden erstmals in der Zwischenkriegszeit für diesen Beruf ausgebildet und nach dem Zweiten Weltkrieg, im Gegensatz zu den Fahrerinnen, auch nicht wieder entlassen.2* 25 Ebenda, S. 173. 26 Ebenda, S. 174. 27 Anordnung über die Beschäftigung von Frauen auf Fahrzeugen des Reichsarbeitsministeriums, 30. Oktober 1940. 28 Völkischer Beobachter (25. September 1939), Archiv Freunde Münchner Trambahn Museum e.V., München; Sc hanter, Rudolf: Der feste Schaffnerstand und seine Vorbedingungen In: Verkehr und Technik 9 ( 1949), S. 191. 341

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