Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

Barbara Schmucki fentlichen Verkehr, fuhren Fahrrad oder gingen zu Fuß (11 % waren Mitfahrerinnen). Männer fuhren hingegen mehr Auto als Frauen, nämlich 60 %, waren weniger Beifah­rer (4 %) und machten weniger Gebrauch von öffentlichen Verkehrsmitteln (36 %). 1992 waren dieses Geschlechterverhältnisse noch immer intakt, hatten sich aber weiter zugunsten der Autonutzung verändert (Frauen 43 %, Männer 69 %).12 Hier wird klar, wie der öffentliche Verkehr im allgemeinen und die Straßenbahn im Speziellen Schritt für Schritt zum sozialen Mittel geworden ist, das Randgruppen der Gesellschaft, zu welchen Frauen in diesem Fall zu zählen sind, eine gewisse Mobilität erlaubte. In den späten 1970er und 1980er Jahren wurden denn die ersten Untersuchungen durchge­führt, die aufzeigten, dass Frauen und Männer verschiedene Mobilitätsmuster aufwei­sen. Aufgrund der hochgradig schadstoffbelasteten und von Verkehr verstopften Städte wurde den Verkehrswissenschaftlem bewusst, wie wichtig das Verstehen von Mobili­tätsmustern der Stadtbewohner und -bewohnerinnen ist, um den Verkehrsablauf und letztlich das Leben in der Stadt zu verbessern. Fahrgäste und Straßenbenutzer und - benutzerinnen waren nicht mehr länger eine unbekannte Masse von Verkehrsteilneh­menden: die neuen Untersuchungen machten darauf aufmerksam, dass große Unter­schiede zwischen Männern und Frauen, älteren Leuten und Kindern, arbeitenden Men­schen und nicht arbeitenden Menschen bestehen. 1974 ergab die Infas-Erhebung, dass 77 % aller Männer aber nur 35 % aller Frauen in Deutschland einen Führerschein besa­ßen.* 11 Es ist völlig klar, dass der große Rest aller Frauen auf andere Verkehrsmittel angewiesen war. Aber nicht nur der Zugang zu Verkehrsmittel stellte sich für Frauen und Männer ver­schieden dar; Frauen waren auch andere Fahrgewohnheiten als Männern zu eigen. Ein wichtiger Faktor war und ist hier die Sicherheit. Verkehrsplaner und vor allem - planerinnen sind diesem Sachverhalt allerdings erst in den 1980er Jahren auf den Grund gegangen. Das macht es schwer, Quellen für die Zeit davor zu finden. Einige Hinweise zum Verhältnis Schaffner und weibliche Fahrgäste habe ich in Disziplinar­verfahren von Straßenbahnuntemehmen gefunden. Es scheint in diesem Fall nicht allzu oft Probleme gegeben zu haben, wenigstens sind sie kaum rapportiert worden. Ausführliche Akten zu Disziplinarverfahren bei der Münchner Straßenbahn von 1908 - 1933 belegen, dass in diesem Zeitraum nur zwei Schaffner wegen Beleidigungen von Frauen entlassen worden waren: Einer dafür, dass er einer Frau („Fräulein“), die die Beine übereinandergeschlagen hatte, diese voneinander gerissen hatte und einer für 12 Socialdata. Trendwende zum ÖPNV. Basisbroschüre. München 1993, S. 22. 11 Menke, Rudolf: Verkehrsplanung - für wen? In: Bauwelt 53 (1977), S. 19-23. 336

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