Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse 1912 war für die Hälfte aller Unfälle (29 von 59) das Auf- und Abspringen der Fahr­gäste verantwortlich, wobei mehr Männer zu Schaden kamen als Frauen (19 Männer, 10 Frauen).2 * Schon seit den 1880er Jahre gab es weitreichende Diskussionen über die­ses Sicherheitsproblem. Eine Umfrage in deutschen Städten (Berlin, Dresden, Frank­furt, Hamburg, Leipzig, München) von 1889 ergab, dass die Polizei damit beschäftigt war, Kampagnen und Regulierungen gegen das Auf- und Abspringen durchzuführen.’ Hamburg und Leipzig etwa versuchten, das Auf- und Abspringen auf fahrende Wagen auf die rechte Seite des hintersten Wagens zu beschränken. Das Polizeidepartement in München wollte dieser Regulierung 1891 folgen, ja erweiterte sie gar damit, dass Springen nur im Stillstand gestattet war. Die Straßenbahngesellschaft freilich wehrte sich erfolgreich gegen diesen Zusatz.4 Ihr Direktor versuchte hingegen, eine technische Lösung für das Problem zu finden. So wurden auf den Wagen mehr Platz bei den Ein­stiegen geschaffen, indem jeweils ein Sitz herausgenommen wurde Zum anderen es gab Haltegriffe für Springer, um Unfälle zu verhindern. Dieser spezielle Gebrauch der Technik war keineswegs auf eine Antriebsart beschränkt. Auch wenn das Problem mit Pferdestraßenbahnen angefangen hatte, so verschwand es mit der Elektrifizierung in den 1890er Jahren nicht. Die Klagen über das Auf- und Abspringen junger Männer blieben weiterhin zahlreich. Auch in der Zwischenkriegszeit nahmen die Unfälle nicht ab und das trotz des Verbots, das seit 1900 in Kraft war.5 In der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Straßenbahn das einzige Verkehrsmittel in den Städten war, klammerten sich die Mitfahrenden bei den chronisch überfüllten Wagen weiterhin außen an den Wagen fest, ohne dass dies offiziell erlaubt gewesen wäre. Selbst noch in den 1950er Jahren beklagten sich die Verkehrbetriebe in Dresden über auf- und ab­2 Unfallstatistik der elektrischen Straßenbahnen anno 1 9 1 2- 1 9 1 5 . Staatsarchiv München, RA 62831. 1 Die erste Regulierung zum Auf- und Abspringen in München stammt aus dem Jahr 1886. Polizei- direktion München, 1891, Staatsarchiv München, Pol. Dir. 993. Diese musste aber schon bald revidiert werden. Im Zusammenhang mit dieser Revision machte die Polizeidirektion München eine Umfrage bei anderen Städten. Revision der ortspolizeilichen Vorschriften über den Betrieb der Pferdebahnen in München § 29, 1889, Staatsarchiv München, Pol. Dir. 993. 4 Staatsarchiv München, Pol. Dir. 993. O r t s p o 1 i z e i 1 i c h e Vorschriften 1 895, Staatsarchiv München, RA 62822. 5 Ortspolizeiliche Vorschriften der königlichen Polizeidirektion München für den Betrieb der elektrischen Strassenbahn in München 1906, § 33, Staatsarchiv München, RA 62832. Pfeiffer, Eduard A.: Unsere Elektrische. Zum 50jährigen Jubi­läum der elektrischen Straßenbahn, Stuttgart 1931. 333

Next

/
Thumbnails
Contents