Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

SCHIENENGEBUNDENE URBANE TRANSPORTSYSTEME UND GESCHLECHTERVERHÄLTNISSE Barbara Schmucki Einleitung Wenn wir die Geschichte von Straßenbahnen, U-Bahnen und anderen schienenge­bundenen städtischen Verkehrssysteme betrachten, dann fallt auf, dass sie sich schnell um Bubenträume herumrankt. Uns kommen Straßenbahnfahrer, Straßenbahnentwick­ler, neue Straßenbahnwagen, die Buben und Männerherzen beglücken, in den Sinn. Man könnte denken, dass das Geschlechterverhältnis hier ganz klar geregelt ist: Es gibt kein Verhältnis, der städtische öffentliche Verkehr ist in Männerhand. Diesem ersten Eindruck möchte ich in meinem Beitrag ein Stück weit nachgehen und sehen, ob er einer genaueren Betrachtung Stand hält, und wenn nicht, beleuchten warum nicht. Die neuesten Forschungen der Technikgeschichte zeigen, dass wir Technik und tech­nischen Fortschritt nicht verstehen können, wenn wir uns allein auf eine enge Definiti­on von Technik als männerdominierten Bereich stützen. Obgleich die Angebotsseite, die Produktion von Technik, oft einfacher zu untersuchen ist, ist es genau so wichtig, die Nachfrageseite der Technik oder besser den Gebrauch der Technik zu analysieren, um zu verstehen, wie Wandel stattfindet oder stattgefunden hat. Oder anders gefragt: Welchen Einfluss hat Technik auf Gesellschaft und welche Wechselwirkungen zwi­schen Gesellschaft und Technik können wir feststellen? Es ist längst klar, dass Technik nicht geschlechtsneutral ist, bzw. dass Technik sehr wohl Geschlechterbeziehungen prägt und festigt. Dass das auch bei städtischen Schienenverkehrssystemen, die ja eben­falls technische Artefakte sind, der Fall ist, soll im Folgenden nachgezeichnet werden. Seit mit der Straßenbahn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein leistungsfä­higes öffentliches Verkehrsmittel für die Stadt geschaffen worden ist, fahren Männer wie auch Frauen mit der Tram durch die Stadt. Mit meinem Text versuche ich zu zei­gen, dass Frauen und Männer dabei völlig unterschiedliche Erfahrungen machten. Auch bei der Bereitstellung von öffentlichen Verkehrsleistungen, das heißt bei den Fahrern oder bei der Planung von Linien spielten Geschlechterverhältnisse keine unwe­sentliche Rolle. Wir alle wissen, dass mittlerweile Frauen als Fahrerinnen von Straßen­Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs/Sonderband 7 331

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