Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Stefan Zeilinger: Eisenbahn und Geschwindigkeit
Eisenbahn und Geschwindigkeit wurde. Die Beschleunigung der Gesellschaft, die darin zum Ausdruck kommt, stand nicht nur im Zentrum der Kritik von einigen wenigen Skeptikern im 19. Jahrhundert, sondern sie hat sich fort- und fest-gesetzt. Wolfgang Schivelbusch etwa greift in seiner „Geschichte der Eisenbahnreise“ den Topos der Vernichtung von Raum und Zeit auf und versteht ihn als einen „Wirklichkeitsverlust der Wahrnehmung, die die Verkehrstechnik, von der sie geprägt ist, plötzlich durch eine vollkommen neue ersetzt findet.“ Meiner Meinung nach muss jedoch in Zusammenhang mit Geschwindigkeit auch auf einen weiteren Autor eingegangen werden, nämlich den französischen „Theoretiker der Geschwindigkeit“ Paul Virilio.5 Seine „Dromologie“ identifiziert die Geschwindigkeit mit Aggression, ja, mit Krieg. Die Beschleunigung des Verkehrs und des Lebens allgemein verkürzt er unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und der atomaren Bedrohung im Kalten Krieg auf diese einfache Gleichsetzung. Ich lasse diese Argumente als Anregung und Provokation im Raum stehen, will aber die Thematik insofern aufgreifen, als ich noch einmal zum Ausgangspunkt zurückkehre: Geschwindigkeit ist zweifellos ein wesentliches Kriterium der Verkehrswertigkeit. In der Konfrontation der Eisenbahn mit anderen Verkehrsmitteln hat sie in Schüben eine wichtige, wenn auch nicht immer die einzig wichtige Rolle gespielt. In dieser Konkurrenzsituation spielte jedoch neben der Verkehrswertigkeit und dem Preis von Verkehrsleistungen auch das Image von Verkehrsmitteln eine entscheidende Rolle in der Auseinandersetzung. Geschwindigkeitserhöhung diente teils auch einem neuen Image. Sie diente der Eisenbahn damit gleich in mehrerer Hinsicht. Doch ob man so weit geht wie Paul Virilio oder nicht, das Beispiel der nationalen Konkurrenz beim Hochgeschwindigkeitsverkehr zeigt, dass Geschwindigkeit auch dazu angetan ist, eine vielschichtigere Dynamik zu entfalten als zunächst erwartet. 5 Virilio, Paul: Geschwindigkeit und Politik. Ein Essay zur Dromologie. Berlin 1980. 327