Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Milan Hlavacka: Frühes Eisenbahnwesen und Technologietransfer in den böhmischen Ländern und in der Habsburgermonarchie 1837-1842

Frühes Eisenbahnwesen und Technologietransfer in den böhmischen l.ändern Stephensons Lokomotiven nach Österreich gekommen war, zeigte sich im Stande, eine Lokomotive namens Patria (Baureihe Patentee) in eigener Werkstatt aus heimischen Produkten und mit hiesigem Personal zu bauen. Sie war schon am 30. August 1840 betriebsfähig. Am Ende dieses Jahres baute dann die Maschinenbauwerkstatt der Wiener-Raaber Eisenbahngesellschaft in Wien unter Aufsicht von Betriebsdirektor Matthias Schönerer und John Haswell die drei ersten wirklich österreichischen Lokomotiven. Ingenieur Schönerer unternahm vorher eine mehrmonatige Studienreise zur Firma William Norris in Philadelphia, wo er die Lokomotive Philadelphia einkaufte, deren Konstruktion für die österreichischen Terrain- und Brennmaterialverhältnisse günstiger war als jener der englischen Stephensonschen Lokomotiven. Schönerers technologische Missionen in die USA und nach England in den Jahren 1837 bis 1838 beinhaltete auch den Einkauf von Musterteilen der Lokomotiven und Wagons. Er besorgte z. B. Untergestelle oder sogar Lokomotiv- Drehscheiben für den Wiener Bahnhof der Wiener-Raaber Eisenbahn. Von der Maschinenbaufabrik W. Fairbaim in Manchester wurde dann der funfundzwanzigjährige Ingenieur John Haswell nach Wien geschickt, der die Maschinen-Werkstätte der Wien-Gloggnitzer Eisenbahngesellschaft gründete und mehr als 40 Jahre leitete. Zwei Jahre später wurden die Lokomotivfabriken Günther und Prevenhuber in Wiener Neustadt und William Norris in Wien gegründet. Die erste Lokomotive in Böhmen wurde erst 1899 erzeugt. Nach meinen Recherchen ist festzustellen, dass der Bedarf an Lokomotiven in den 40er Jahren noch nicht von einheimischen Maschinenbauwerkstätten und -fabriken vollständig gedeckt werden konnte und deshalb Erzeugnisse weiterhin von ausländischen Finnen wie beispielsweise R. Stephenson sowie Hawthorn, aber auch Longridge, Starbuck & Co. aus Newcastle, Sharp and Roberts aus Manchester, Rothwell and Co aus Bolton, Fenton und Murray aus Leeds, T. H. Kirtley and Co. aus Warrington, E. Burry aus Liverpool, G. & J. Rennie/London, W. Norris sowie Baldwin, Vail & Hufty aus Philadelphia und J. Cockerill aus dem belgischen Seraing eingeführt wurden. So wurden für den Betrieb der Staatlichen Nordbahn von Olmütz nach Prag, der im August 1845 eröffnet wurde, bis zum Jahr 1846 schon 55 Lokomotiven angeschafft, von denen aber nur 19 in Österreich hergestellt worden waren. Die anderen stammten von ausländischen Maschinenfabriken: Vier von W. Norris (USA), 24 von Cockerill (B) und acht von der Firma Meyer aus Mülhausen, heute Mulhouse (F). Eine ähnliche Situation herrschte bei der Einführung der Produktion von Personen- und Lastwagons. 267

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