Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Peter Wilding: „…dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung gerade und vornehmlich durch die Eisenbahnen ganz ungeheuer rasch vorangeschritten sind…“ - Netzwerk Eisenbahn und Knotenpunkt Stadt

Peter Wilding Die Städte Zwischen den späten 30er und den frühen 50er Jahren des 19. Jahrhunderts erhielten die größeren und bedeutenderen Städte Anschluss an das Eisenbahnnetz. Die Transformation der weitgehend noch vom Mittelalter geprägten europäischen Stadt im 19. Jahrhundert, die Sprengung ihrer räumlichen Geschlossenheit, ihre weitflächige Ausdehnung als Stadtlandschaft, die Entstehung spezialisierter Distrikte (Wohn-, Geschäfts-, Industriebezirke, bürgerliche und proletarische Stadtteile, usw.)2* ist das Resultat der industriellen Revolution im Allgemeinen, der Transportrevolution der Eisenbahn im Besonderen. „Wo diese Entwicklung nicht unmittelbar von der Eisenbahn verursacht ist, wirkte diese als beschleunigender Faktor bestehender Tendenzen.“2'2 Die Erfindung des Schienentransportsystems hatte massive räumliche Wirkungen: sie forcierte die Industrialisierung der Städte und führte in der Folge zu Veränderungen der städtischen Infrastruktur und der Stadtbilder. Sie hatte „ungeahnte Folgen Für den Wohnungsbau, den Straßenbau, die Siedlungsstruktur, das innerstädtische Verkehrsaufkommen, kurz für die soziale Organisation der Stadt“ insgesamt.2" Die Mitte der Stadt verschob sich fast überall vom traditionellen Marktplatz mit seinen ehemals guten Wohnlagen und den Rathäusern zu den Bahnhöfen. Meist am Rand der ursprünglich kleinen Städte errichtet'1, wuchsen um die Bahnhöfe eigene Stadtteile empor. Als Folge des Anschlusses an das Eisenbahnnetz wurde die Achse Bahnhof-Altstadt bebaut und entstand eine Neustadt bzw. ein rasch wachsendes Bahnhofviertel. „Die Bahnhofstraße war im 19. Jahrhundert eine gute Adresse.“'2 Zwischen dem Bahnhof, dem Schienenstrang und den alten Stadtkernen entstanden, von Bahnstraßen als zentralen Achsen durchzogen, rasterförmig angelegte Gründerzeitviertel. Die Viertel, vom Stadtzentrum aus gesehen „hinter" der Bahn gelegen, erhielten das „Stigma“ des Industriellen, des Proletarischen. Das stadtseitig 2* Sch i ve 1 busch : Geschichte der Eisenbahnreise, S. 158. 2V Ebenda N i s se n : Global Cities, S. 99. 21 Die Gründe, warum die Bahnlinien nicht an die alten Siedlungskeme herangetührt wurden, sondern, wie auch der Bahnhof, am Ortsrand errichtet wurden, lagen weniger im Respekt vor der alten Bausubstanz, sondern vielmehr in den hohen Grundstückspreisen im Stadtzentrum. Zudem hatte die Eisenbahn einen beträchtlichen Flächenbedarf für Gleisanlagen, Bahnhof, Lagerhäuser und andere technische Einrichtungen. Dienes, Gerhard M.: Locomotion. Entwicklung und Auswirkungen des Eisenbahnwesens. In: Verkehr. Steirische Landesausstellung 1999, S. 138-155. - S c h i v e I b u s c h : Geschichte der Eisenbahnreise, S. 159. 22 R o t h . Vom Adler zum ICE, S 18. 198

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