Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

festzustellen. Für die neuen Siedlungen war die Verkehrsanbindung an die Berliner Innenstadt von existenzieller Bedeutung, da die meisten Bewohner, Geschäftsleute, Fabrikanten, Bankiers, Beamte und Freiberufler, in Berlin arbeiteten. Berühmtheit erlangte die Erste der Vorortbahnen, die Wannseebahn, die die Kolonien am Wannsee, am Nikolassee und am Schlachtensee direkt mit dem Potsdamer Platz verband.'4 S. Heinrich Seidel, der Ingenieur, der die Halle des Anhalter Bahnhofs konstruiert hatte, und sich 1895 in dem von Carstenn gegründeten und nach dreißig Jahren zur Stadt ausgebauten Großlichterfelde niedergelassen hatte, pries die Vorzüge der Gemeinde im Grünen. Er nannte sie trotz ihrer mittlerweile 19 000 Einwohner immer noch eine „Gartenstadt“, in der allerlei Sorten von Obst, Rosen und Erdbeeren und sonstigen edlen Gewachsen und Blumen dort herrlich gedeihen und von einer großen Anzahl beschaulicher Gartenbesitzer liebevoll gepflegt werden. Dennoch sei man schnell inmitten der nur neun Kilometer entfernten Großstadt. Nach einer Eisenbahnfahrt von 18 Minuten kann man nun aber aus dem Veilchen-, Flieder-, Rosen- oder Levkojenduft dieses Gartenidylls mitten in dem brausenden Berlin." Insgesamt entstanden im Berliner Raum über vierzig derartiger Villenkolonien, die einer exklusiven, wohlhabenden Gesellschaftsschicht Vorbehalten blieben.'6 Angesichts ihrer florierenden Entwicklung meldete sich in den Neunzigerjahren auch der in Konkurs gegangene Carstenn wieder zu Wort, verfasste 1892 eine Denkschrift über „Die zukünftige Entwicklung Berlins“ und schlug vor, zahlreiche Ortschaften Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn tur die Wahrnehmung der Stadt ’4 Später entstanden an dieser Strecke weitere Kolonien wie etwa Mariendorf, Südende und Lankwitz. 7.um Wohnen in den exklusiven Villengebieten Berlins vgl. Peschken, Goerd: Wohnen in der Metropole, ln: Exerzierfeld der Moderne, Bd. 1, S. 208-219, hier S. 214 ff; Bohm, Eberhard: Wohnsiedlungen am Berliner Stadtrand im frühen 20. Jahrhundert. Das Beispiel Frohnau. In: Siedlungsforschung I (1983), S. 117-136; Machule, Dittmar -Seiberlich, Lutz: Berliner Villenviertel seit 1840 (Dahlem, Frohnau, Grünewald, Nikolassee, Tiergarten, Wannsee, Westend, Zehlendorf), ln: Standorte in Abhängigkeit zur Infrastruktur am Beispiel der Stadt Berlin. Berlin 1970, S. 235-275. Zur Verkehrsanbindung vgl. Siewert: Die Stadtbahnprojekte, S. 102-105. Zur Zunahme des Vorortverkehrs vgl. Bley, Peter: Eisenbahnknoten Berlin, ln: Exerzierfeld der Moderne, Bd. I, S. 114-125, hier S. 121 ; B e rl i n und seine E i s e n b a h n e n , Bd. 2, S. 417-420. " Seidel, Heinrich: Ein Tag aus dem Bureauleben, ln: Berlin Anhalter Bahnhof hrsg. von Helmut Maier. Berlin 1984, S. 95-97, hier S. 95. 16 „Die meisten Gemeinden waren so reich, daß sie sich aufwendige und repräsentative Rathäuser, [...], höhere Schulen [Grünewald], Feuerwehrgebäude und andere kommunale Einrichtungen leisten konnten.“ Wolfes: Die Villenkolonie Lichterfelde, S. 31 f. Vgl. auch Berlin und seine B a u te n , S. LX; M a c h u 1 e - S e i b e r 1 i c h : Die Berliner Villenvororte, S. 97. 151

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