Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang Kessler: Zwischenräume - Gedanken zu einer Malerei des rasenden Stillstands
Zwischenräume - Gedanken zu einer Malerei des rasenden Stillstands Die Architektur, die meinen Bildaufbau konstituiert, scheint sich dieser Art der Wahrnehmung anzupassen. Da sich die Dinge bei hoher Geschwindigkeit enorm vergröbern (wir erinnern uns an Bradburys treffende Beschreibung), verzichtet sie von vornherein auf Details, setzt höchstens ein kräftiges und meist simples Farbsignal, um in der Vielzahl flüchtiger Eindrücke überhaupt aufzufallen. So stehen diese Strukturen fremd und hart in der Landschaft oder werden in verkleinerter Form als Universalbehältnis Container auf die vernetzten Transportwege einer Weltökonomie geschickt. Nun möchte ich keine Missverständnisse aufkommen lassen: Ich reagiere auf all das nicht als Soziologe, sondern als Maler, der zuallererst die sich ihm darbietenden Oberflächen genau beobachtet. Seit die Kollegen der Renaissance sich der diesseitigen Welt zuwandten, kann alles zum Thema von Malerei werden: Was Für Tizian ein Samtmantel, ist Für Kalf ein toter Hummer, was für Manet ein Bund Spargel, ist Für Bacon eine alte Matratze oder eine Kloschüssel. Malen heißt Farben miteinander in Beziehung zu setzen und Licht zu transportieren. So zerlege ich die rasende Fahrt in eine Abfolge kostbarer Augenblicke, die ich mittels einer sorgfältig ausgeführten Malerei ein zweites Mal entstehen lasse in der destillierten Wirklichkeit das Ölbildes. Ich erlaube mir daher, den berühmten Satz Lautréamonts: Schönheit entstehe durch „das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Operationstisch“5 in meinem Sinne abzuwandeln: Schönheit entsteht durch eine Reihe von dreiundzwanzig gelben Postlastem vor einem hellgrauen Verteilerzentrum. Schönheit ist eine kobaltblaue Lärmschutzwand vor dunkelgrünem Kiefernwald. Schönheit entsteht beim Aufleuchten eines orangefarbenen Containers an einem sonnigen Herbstnachmittag. Schönheit sind die glühenden Neonröhren einer Bahnsteigüberdachung in der blauen Stunde. Aus Lautréamonts Satz folgerte André Breton im surrealistischen Manifest: „Je entfernter die Beziehungen dieser Wirklichkeiten zueinander sind, desto stärker wird das Bild sein.“6 Ich bin kein Surrealist; dennoch treibt auch mich bei jedem neuen „Zwischenraum“ die Hoffnung an, unterschwellig etwas von dieser Spannung erzeugen 5 Lautréamont, Comte de (Ducasse, Isidore-Lucien): Gesang 6,1. In: Die Gesänge des Maldoror, 1985, S. 317. 6 Breton, André: Premier manifeste du surréalisme, zit. nach Kindlers neues Literaturlexikon. Bd. 10. München 1988, S. 54.