Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang Kessler: Zwischenräume - Gedanken zu einer Malerei des rasenden Stillstands

ZWISCHENRÄUME - GEDANKEN ZU EINER MALEREI DES RASENDEN STILLSTANDS1 Wolfgang Kessler Sechs Gemälde, ein Text über Malerei, ein Gespräch über diese klassische Kunstform, traditionsbeladen und heutzutage fast rührend altertümlich in ihrer Technik, regelmäßig von der Kritik (und den Künstlern1 2) beerdigt, abgetan als ewiggestrige Spielwiese selbst ernannter Malerfürsten und marktkonformer Ausstatter von Vorstandsetagen - und das wird vorgestellt an einem Ort, der nun nicht gerade als Kathedrale des Eisenbahnzeitalters gelten kann, dessen nüchterne Zweckarchitektur eine Kunstlosigkeit ausstrahlt, die - so sollte man meinen - einer solchen Begegnung keinerlei Raum bieten kann. Erschwerend kommt ja hinzu, dass ein Bahnhof naturgemäß vom Rhythmus des Ankommens und Abfahrens durchdrungen ist, dem sich selbst die Momente des Verweilens unterordnen, so dass Kontemplation, wie sie die Malerei erfordert, in diesem Zusammenhang geradezu absurd erscheint. Und dennoch begegnen meine Bilder hier einem ihrer Ausgangspunkte, von Wien West, Paris Nord, Amsterdam Centraal oder meistens Hannover Hauptbahnhof aus beginne ich meine Streifzüge, die der Arbeit im Atelier vorausgehen. Vielleicht bildet also gerade dieses Ambiente den passenden Hintergrund, um einige Gedanken über die Serie der „Zwischenräume“ zu formulieren und dabei das Spannungsverhältnis von Beschleunigung und Stillstand auszuloten. Meinem Text möchte ich zwei Zitate voranstellen, die jene Phänomene, die mich in meiner Arbeit beschäftigen, literarisch umschreiben. Ihre Autoren trennt zwar ein gutes Jahrhundert, dennoch sind sie in ihrer Zeit aufmerksame Beobachter der mechanischen 1 Dieser Test ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags, der anlässlich des Workshops „Eisenbahn und Kultur“ am 12. Dezember 2001 im Wiener Westbahnhof gehalten wurde. Dazu präsentierte ich/der Künstler sechs Originalarbeiten. 2 Im Interesse des Sprachflusses möchte ich/der Künstler im Folgenden ausschließlich die männliche Form verwenden. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs/Sonderband 7 107

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