Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Neue Erkenntnisse bei der Beobachtung Anderer Kontingente: Die Tätigkeit des Hauptmanns Carl Wójcik
Literatur, dann neben einigen schönen, sinnlosen Gebräuchen erscheint der Chinese selbst zumeist als ein verkommener Wildling. Unter der bestehenden gesellschaftlichen Corruption scheint der Chinese bewusst zu leiden, aber auch er drückt und übervortheilt seine Nebenmenschen bewusst. Auf der Jagd nach Reichthum hat sich bei ihm das Gefühl der Selbstachtung und andere edlere Regungen bedeutend abgestumpft, wennauch [sic] in mancher Richtung ein gewisses Ehrgefühl noch vorhanden zu sein scheint. Es giebt wohl auch Chinesen welche infolge ihrer hohen Bildung und ihres bessern Characters die wahre Lage ihres Volkes erkennen und fühlen, aber sie vermögen vorläufig gegenüber der überwältigenden Masse nichts auszurichten. Im allgemeinen bekümmert sich aber selten ein Chinese um das Wohl des Ganzen, denn Gemeingeist und Patriotismus ist ihm in der Regel fremd. Die höchste Gemeinschaft, welche der Chinese thatsächlich anerkennt ist die eigene Familie, für deren Wohl ohne weiteres jedes Familienmitglied bereit ist, sein Leben zu opfern. Ausserhalb der Familie kennt aber der Chinese nur selten das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Mitleids. Es lassen aber die Thatsachen der letzten Jahre, insbesondere die Boxerbewegung welche sich als eine rein patriotische Bewegung bezeichnet und an Ausdehnung gewinnt, eine relativ schnellere Verbreitung des patriotischen Gefühls in naher Zukunft wahrscheinlich erschienen.2361 Winterhaider: Die Besprechung der Bevölkerung muss sich auf das Knappste beschränken, [...] In Tschili [Zhili] ist naturgemäss das Element des Mandschustammes, dem die gegenwärtige Dynastie angehört, numerisch stärker als in irgend einer anderen Provinz vertreten; die Mandschu bilden die nächste Umgebung des Kaisers, besetzen alle Hofamter, aus ihnen setzen sich die Bannertruppen zusammen und aus ihrem Stamme wählt der Herrscher die fallweise mit weitgehenden Vollmachten ausgerüsteten, vom Volke so gefürchteten Special-Commissäre. Der fortschreitende Process der Assimilirung hat die ursprünglichen Unterschiede in moralischer und physischer Beziehung zwischen herrschendem und unterworfenem Volk verschwinden gemacht, [...]. Der Nordchinese ist im Allgemeinen weniger kräftig als der Südchinese; dies gilt von seiner leiblichen Veranlagung ebenso wie von seinen Leidenschaften, ln vieler Richtung stehen sich auch im Reiche der Mitte Nord und Süd nichts weniger als brüderlich gegenüber, [...] Anspruchslos und bienenemsig, so lange der ersehnte Wohlstand nicht erreicht ist - und mit Absicht träge und ein verschwenderischer Schlemmer, sobald er das gesteckte Ziel erreicht hat; kindisch in seinen Vergnügungen, stets geneigt, sich harmlos zu belustigen - und raffinirt in seinen Ausschweifungen und seiner Grausamkeit; nur seiner Familie, vor allem der Mutter lebend und mit seinen Begriffen von Zusammengehörigkeit auf die Sippe und das Heimatsdorf beschränkt und unpatriotisch - dafür der gefährlichste Geheimbündler von Natur aus; für Leib und Habe als Einzelner sehr besorgt - und doch unter guter Führung blind nachfolgend in jeder Gefahr; durch Naturell und Volkserziehung heuchlerisch und verlogen - als Kaufmann dagegen streng reell; eingebildet auf seine feinen Lebensformen - und über alle Massen roh gegenüber leidenden Mitmenschen; durch Aberglauben lächerlich ängstlich vor ganz natürlichen Erscheinungen - stoisch gegenüber Torturen und dem unabwendbaren Ende. Diese Aufzählung widersprechender Eigenschaften erschöpft noch lange nicht, was man während eines relativ kurzen Aufenthaltes unter Chinesen aus den täglichen Vorkommnissen ersieht [,..]2362 Neue Erkenntnisse bei der Beobachtung anderer Kontingente ... 2361 Ebenda, fol. 85v-86r. Die hier zitierte Passage ist auch abgedruckt in: [Carl Wöjcik], Ursachen und Verlauf der chinesischen Wirren. (Kurzer Überblick). Vortrag, gehalten am 8. und 10. Jänner 1902 im militär-wissenschaftlichen und Casino-Verein in Wien vom Hauptmann Carl Wöjcik des Generalstabs-Corps. ln: OMWV 64 (1902), S. 97 f. 2362 Winterhaider (1902), S. 13-15. 606