Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Der „Alltag“ bei der K. U. K. Escadre

DER „ALLTAG“ BEI DER K. U. K. ESCADRE Trotz der vielzitierten „besonderen“ Umstände der Mission in Ostasien ging der durch Dienstreglement und zahlreiche Vorschriften geregelte Alltag weiter. Das beinhaltete zunächst die Deckung der Grundbedürfiiisse - Nachschub von Nahrung, Kleidung, Kohle und Betriebsmaterial. Dieser Aspekt lässt sich aus den Escadre- Commando-Tagsbefehlen fast lückenlos nachvollziehen.2255 Doch auch für „Zerstreuung“ sollte gesorgt sein, was aber nicht so optimal zu lösen war. Nach der Rückkehr von S.M.S. „Kaiserin und Königin Maria Theresia“ in die Heimat Ende 1902 erschien in Danzers Armeezeitung ein Beitrag über das „Leben und Treiben in unserer chinesischen Station“. Darin heißt es unter anderem: Die Vergnügungen und Zerstreuungen sind in beiden Stationen recht primitiv­beschaulicher Art, da alle sonst gewohnten Lebensgenüsse entbehrt werden. Das Zusammenleben mit so vielen anderen Nationen gestaltet die Geselligkeit keineswegs zu einer lebhaften, da Alles immerfort darauf Bedacht nimmt, die Disciplin auch außer Dienst vor Augen zu behalten und jeder mit strengen Strafen belegten Reibung aus dem Wege zu gehen. Im 'Café International', einer niederen rauchigen Bude, vereinigt der schwarze Kaffee und der Tschai allabendlich die dienstfreien Mannschaften im kameradschaftlichen Verkehr, indeß die Stäbe sich am Nachmittage mit Tennis und Fußball, am Abend in den Officiersmessen mit Tarok [sic!], Skat und Ping-Pong amüsiren. Keiner vergißt jemals am Abend vor dem Schlafengehen einen Tag aus dem Kalender zu streichen und wehmüthig die Wochen zu berechnen, die jeden Einzelnen noch vor der muthmaßlichen, der erhofften Heimkehr ins Vaterland trennen. Bei solcher Dienstesverwendung fern von der heimatlichen Scholle, kann man es erst so voll aus tiefstem Herzen empfinden, wie tief in Jedem das Gefühl ausgeprägt ist, das ihn nach dem Boden zieht, auf dem die eigene Wiege stand. Wie die Sehnsucht überhand nimmt nach den Lieben, den Verwandten und Bekannten, nach geordneten Lebensverhältnissen, ja nach richtigen Dingen des täglichen Unterhaltes, die wir zu Hause als ganz selbstverständlich ansehen und kaum würdigen und die in der fernen Colonie geradezu als Glücksgüter betrachtet und ersehnt werden — dies weiß nur Deijenige nachzuempfinden, der es selbst schon einmal durchgemacht hat.2256 2255 Dass diese Tagsbefehle vorliegen, ist einer Bestimmung des Dienstregelements (1879) zuzuschreiben. Im III. Theil (Dienst zur See) heißt es unter § 65 ,Ausgeben und Verlautbaren der Tags-Befehle“, Punkt 850: „Schiffe, welche vom Kommandirenden detachirt waren, sollen jene während ihrer Abwesenheit erlassenen Befehle, die für den Dienstbetrieb bleibende Wichtigkeit haben, beim nächsten auf einem Ankerplätze stttfindenden Zusammentreffen in dem Falle nachtragen, als ihnen dieselben nicht auf einem anderen Wege zugekommen wären. Welche Befehle dies sind, hat der Stabs-Chef zu bezeichnen.“ [Dienstreglement für die k. k. Kriegsmarine, Wien, 1879, III. Theil, § 65, Punkt 850, S. 351], 2256 DAZ 7,52 vom 25.12.1902, S. 7: „Von unseren Marinedetachements in Tientsin und Peking.“ 573

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