Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten

Georg Lehner - Monika Lehner nunmehrigen Friedensverhandlungen in Peking [Beijing] jedwede Kämpfe mit regulären chinesischen Truppen zu vermeiden sind’ - die letzteren wohl an der Überschreitung der Grenze der Provinz Petschili [Bei Zhili] zu verhindern, diese jedoch, wenn irgend möglich selbst nicht anzugreifen. Und ganz besonders [...] sei dies geschehen, um das deutsche Militär-Commando daran zu hindern, ihren Kampfesmuth an diesen regulären chinesischen Truppen zu kühlen.2055 Der Minister schien die Auffassung des englischen Gesandten zu teilen, da Russland den Ambitionen des deutschen Oberkommandos mit zunehmendem Misstrauen begegnete, da die „erratischen“ Operationen Waldersees die ganze politische Situation der Mächte in China in immer weitgehenderem Maße compromittiren, und dass doch ursprünglich die Dienste des deutschen Feldmarschalls von Kaiser Wilhelm den Mächten als Ober-Commandant für ihre gemeinsamen Truppen zur Disposition gestellt worden seien, aber nicht diese den deutschen Befehlen subordinirt.2056 Nach der Meinung russischer Beobachter schien das Vorgehen Waldersees die Rückkehr des Hofes nach Beijing unmöglich zu machen, während die bevollmächtigten Vertreter Yikuang Prinz Qing und Li Hongzhang daselbst in die Lage von Geißeln oder Kriegsgefangenen versetzt [werden], wodurch die eingegangenen Verbindlichkeiten derselben nach Abzug der internationalen Truppen selbst nach europäischer Auffassung endlich doch auch mit einem gewißen Recht desavouirt werden könnten.2057 Ähnliche Überlegungen dürfte es im Foreign Office gegeben haben. Graf Kinskÿ meinte, es habe mithin den Anschein, als ob sich Russland und Frankreich mit England dahin einigen wollten, den deutschen militärischen Thatendrang in China einer Hungercur zu unterziehen.2058 Zur Untermauerung seiner Ansicht berichtet er über ein Gespräch zwischen Graf Alvensleben und Sir Charles Scott, als diese beiden Herren gestern ganz zufällig bei mir zusammenstießen. Gleich bei seinem Eintreten sprach der Graf Sir Charles mit der Bemerkung an: „Nun lassen also auch Sie uns im Stich. Da werden ja gar bald die deutschen Truppen alleine kämpfen.“ Worauf Sir Charles zur Antwort gab, dass es sich ja eigentlich auch gar nicht ums Kämpfen handle, sondern blos um die Aufrechterhaltung der Ordnung un Petschili [BeiZhili] und den Schutz unserer Vertreter. [...]2059 In der „toten“ Saison blühten die Gerüchte über den weiteren Verlauf der Aktionen in China in den Hauptstädten. Im Zentrum stand die Räumung der Stadt Tianjin. In zahlreichen Tageszeitungen, vor allem in Großbritannien war die Nachricht lanciert worden, allein Deutschland verzögere die Räumung. Die Tendenz dieser Ausstreuungen war unzweifelhaft die, im Auslande, namentlich aber in China den Eindruck zu erzielen, das Deutsche Reich sei der härteste Gläubiger HHStA, P A. X/115, fol. 485v-486r, Kinskÿ an Gotuchowski, Bericht No. 28 B, St. Petersburg, 6.5723.4.1901. Ebenda, fol. 486, Kinskÿ an Gotuchowski, Bericht No. 28 B, St. Petersburg, 6.5723.4.1901. Ebenda, fol. 486, Kinskÿ an Gotuchowski, Bericht No. 28 B, St. Petersburg, 6.5./23.4.1901. Ebenda, fol. 487\ Kinskÿ an Gotuchowski, Bericht No. 28 B, St. Petersburg, 6.5723.4.1901. HHStA, P.A. X/115, fol. 488, Kinskÿ an Gotuchowski, Bericht No. 28 B, St. Petersburg, 6.5723.4.1901. 526

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