Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten
lag, um diese Popularität noch zu erhöhen, so entspricht diese Auffassung vollkommen der gegenwärtigen Sachlage.2040 Um der deutsch-englischen Annäherung gegenzusteuem und das Gleichgewicht der Kräfte zu wahren, versuchte Russland, mit Japan zu einer Einigung über Korea zu kommen.2041 Die japanische Regierung lehnte diesen Vorschlag mit aller Entschiedenheit ab und versuchte ihrerseits, in London nähere Informationen über die Position Großbritanniens und Deutschlands [sic!] zum Vorgehen Russlands in Korea zu erhalten. Japan fürchtete primär ein deutsch-russisches Abkommen, durch das Russland quasi freie Eland in Korea erhielt.2042 Der japanische Geschäftsträger kontaktierte wiederholt Baron Eckardstein, um dessen Einschätzung der Lage zu erfahren: Er frag ihn [...], welche Haltung seiner Ansicht nach, Grossbritannien im Falle eines zwischen Russland und Japan wegen Korea ausbrechenden Krieges einnehmen würde. Hierauf erwiderte ihm Baron Eckardstein, dass er davon vollkommen überzeugt sei, dass England Japan gegenüber eine wohlwollende Neutralität beobachten würde.204 Baron Eckardstein nahm diese Anfragen zum Anlass, seinerseits im Foreign Office vorzusprechen, wo man ihm gesagt haben [soll], dass seine Antwort der Auffassung der grossbritannischen Regierung vollkommen entspreche, und dass England in einem solchen Falle keine andere Haltung einnehmen könnte.2044 Japan beobachtete die ungünstige ökonomische Situation in Russland und die revolutionären Studentenbewegungen mit großer Sorge - vor allem im Elinblick auf die Auswirkungen derselben auf die Haltung Russlands in Ostasien. Der japanische Gesandte in St. Petersburg, Chinda,2045 sondierte die rassischen Absichten in der Mandschurei, wozu ihm der neue Außenminister, Graf Lambsdorff2046 2047, mitteilte, dass Rußland die Annexion der Mandschurei nicht beabsichtige und ein Special- Abkommen mit China nur aus dem Grund suche, um letzterem unter gewißen [sic!] Bedingungen die militärisch occupirten 3 Provinzen restituiren zu können. 7 Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte ... 040 HHStA, P.A. VIII/125, fol. 63r, Deym an Gotuchowski, Bericht No. 8 B, London, 1.2.1901. 2041 HHStA, P.A. VI11/124, fol. 72', Deym an Gotuchowski, Bericht No. 8 C Streng vertraulich, London, 1.2.1901. 2042 Baron Eckardstein erklärte demgegenüber dezidiert, daß Deutschland mit Russland weder ein Abkommen über Korea noch über China abgeschlossen habe (HHStA, P.A. V11I/124, fol. 72v u. 74, Deym an Gotuchowski, Bericht No. 8 C Streng vertraulich, London, 1.2.1901). 2043 Ebenda, fol. 73, Deym an Gotuchowski, Bericht No. 8 C Streng vertraulich, London, 1.2.1901. 2044 Ebenda, fol. 73v-74', Deym an Gotuchowski, Bericht No. 8 C Streng vertraulich, London, 1.2.1901. 2045 Chinda Sutemi, der zuvor in Den Haag tätig war, war seit Herbst 1900 in St Petersburg akkreditiert (HHStA, P.A. X/115, fol. 393r, Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 23 B, St. Petersburg, 6.4. /24.3.1901). Zur Biographie siehe: Who’s who in Japan (1912), S. 59. 2046 Lambsdorff war am 7. Jänner 1901 offiziell ernannt geworden, cf. HHStA, P.A. X/115, fol. 14', Aehrenthal an MdÄ, Telegramm No. 2 (233, Chiffre), Petersburg, 7.1.1901. 2047 HHStA, P.A. X/115, fol. 394v-395', Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 23 B, St. Petersburg, 6.4. /24.3.1901. 523