Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten

DIE MÄCHTE UND DIE FRIEDENSVERHANDLUNGEN IM SPIEGEL DER BERICHTE ÖSTERREICHISCH­UNGARISCHER DIPLOMATEN Das wichtigste Thema der Berichterstattung der diplomatischen Vertreter Österreich-Ungams bildet das vielschichtige System wechselnder Bündnisse und Abhängigkeiten der Mächte untereinander, die von den Ereignissen in China zumeist nur in sehr peripherer Weise beeinflusst wurden, aber auch die innenpolitischen Verhältnisse. Die Position der europäischen Mächte zum Gang der Ereignisse in Ostasien Um die Jahreswende 1900/1901 war die Kriegseuphorie der Kabinette der in China engagierten Mächte einer gewissen Ernüchterung gewichen. Besonders deutlich wird dieses Phänomen bei der deutschen Regierung. Herbert Nikolaus Fürst von Bismarck2032 war mit der Politik von Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow - mit dem er jedoch „persönlich [...] sehr befreundet“2033 war - zunehmend unzufrieden: [D]er Fürst [ist] mit der Wendung, welche die deutsche Politik infolge der chinesischen Complicationen genommen hat, keineswegs einverstanden, macht aber hiefür nicht den Reichskanzler, sondern allein den Kaiser verantwortlich und wirft Ersterem höchstens so viel vor, dass er nicht genug Energie besitzt, den rhapsodischen Einfällen Seines Herren und Gebieters gehörig entgegenzutreten. Denn nach seiner - Bismarck’s - Auffassung bestehe die heutige deutsche auswärtige Politik in nichts Anderem, als in einer Folge von rhapsodischen Einfällen, welche unter einander in keinem logischen Zusammenhänge sind und früh oder spät zu einer Katastrophe führen müssen.203 Bismarck kritisierte vor allem die Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen, die schon unter Caprivi und Hohenlohe gelitten hatten.2035 Doch Ende 1900 hatten die (nach Bismarcks Überzeugung) Fehler des deutschen Kabinetts dazu geführt, dass 2032 Herbert Nikolaus Fürst von Bismarck, *1849 t 1904. 1886-1890 Staatssekretär im Auswärtigen Amt. 2033 HHStA, P.A. 111/155, fol. 32', Szôgyény an Gotuchowski, Bericht No. 3 A-F Vertraulich, Berlin, 16.1.1901. 2034 Ebenda, fol. 32v-33r, Szôgyény an Gotuchowski, Bericht No. 3 A-F Vertraulich, Berlin, 16.1.1901. 2035 Bereits unter Caprivi und Hohenlohe war das Verhältnis deutlich abgekühlt. Leo Graf von Caprivi, der 1890 Otto von Bismarck als Reichskanzler folgte, hatte die Erneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland abgelehnt und Chlodwig Fürst zu Hohenlohe- Schillingsfurst hatte vor allem auf den Ausgleich des französisch-deutschen Gegensatzes hingearbeitet und Russland quasi vernachlässigt. 521

Next

/
Thumbnails
Contents