Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen
Georg Lehner - Monika Lehner Visconti-Venosta sah auch Schwierigkeiten in der näheren Abstimmung mit Russland - „der Verkehr mit dem russischen Cabinete sei jetzt nicht leicht“.1671 Im Gespräch mit dem k. u. k. Gesandten ließ Marquis Visconti-Venosta durchblicken, dass er persönlich der Ansicht derjenigen zuneige, welche glauben, dass der Kaiser von China nicht im Stande sei, die Todesstrafe an dem Prinzen Tuan [Duan] und einigen anderen Prinzen vollziehen zu lassen.1672 Der italienische Außenminister anerkannte zwar die berechtigte Forderung Deutschlands, doch „solle man es vermeiden, von China unmögliches zu verlangen.“1673 Insgeheim hegte er die Befürchtung, dass „die ganze Verhandlung an einer solchen Frage versumpfen könne“1674 und eventuell im nächsten Frühjahr neue Expeditionen ins Innere Chinas notwendig sein könnten. Daher suchte die italienische Regierung nach Mitteln, um Deutschland zu einem Abgehen von dem schroffen Standpunkt zu bewegen. Ein Ausweg wäre, die strengste Strafe nach der Todesstrafe zu verhängen und den Vertretern der Mächte die Kontrolle darüber einzuräumen.1675 Die deutsche Regierung war zwar mit den Friedensbedingungen, welche die Gesandten in Beijing formuliert hatten, generell einverstanden, hatte aber zu den Einwendungen Amerikas (auf die Exekution der kaiserlichen Prinzen zu verzichten und die Entschädigungsansprüche zu reduzieren1676) und Japans noch nicht Stellung bezogen. In Berlin wurde vor allem die Haltung Japans aufmerksam und misstrauisch beobachtet und hält man sich stets die Gefahr vor Augen, welche das keineswegs als ganz ausgeschlossen zu betrachtende „gelbe Bündnis“ für Europa in sich bergen würde. [...] [ln der Presse] wurde auf die nachträgliche Forderung einer besonderen Sühne für die Ermordung des japanischen Kanzlers, welche nur hemmend auf die gemeinsame Aktion der Mächte einwirken könnte, mit dem früheren Antrag Japans auf strenge Bestrafung der Rädelsführer zusammengehalten und daraus der Schluss gezogen, dass Marquis Ito den von ihm schon früher gepflegten Gedanken des „gelben Bündnisses“ auch als Ministerpräsident zur Richtschnur nehmen.1677 1671 Graf Lambsdorff war zu der Zeit in Livadia und italien war in St. Petersburg lediglich durch einen Geschäftsträger vertreten. Siehe ebenda, Pasetti an Goiuchowski, Bericht No. 64 A-D (Vertraulich), Rom 26.11.1900. 1672 Pasetti an Goiuchowski, Bericht No. 64 A-D (Vertraulich), Rom 26.11.1900. In Rom war allerdings bekannt, daß sich Salvago-Raggi gegenteilig geäußert hatte. 1673 HHStA, P.A. XXIX/22, Pasetti an Gotuchowski, Bericht No. 64 A-D (Vertraulich), Rom 26.11.1900. 1674 1675 1676 1677 Ebenda. Visconti-Venosta wollte jedoch keinesfalls selbst die Initiative ergreifen, er meinte, am ehesten „wäre Russland in der Lage mit Aussicht auf Erfolg und ohne zu froissiren in Berlin einen Schritt zur Verständigung zu machen.“ (Ebenda ). Ebenda, Szögyeny an Gotuchowski, Bericht No. 56 B, Berlin, 25.11.1900. Ebenda. 450