Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen
DIE „FRIEDENSVERHANDLUNGEN“ ZWISCHEN CHINA UND DEN MÄCHTEN - VERLAUF, ABSCHLUSS UND UNMITTELBARE FOLGEN Unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen rückte die Frage der „Friedensverhandlungen“ in den Mittelpunkt des Interesses. Sehr schnell etablierten sich dabei zwei Ebenen: die Beratungen der Regierungen untereinander und die eigentlichen Verhandlungen zwischen den Bevollmächtigten der Mächte und den Bevollmächtigten Chinas, die in Beijing stattfanden. Diese Doppelgleisigkeit, die immer wieder zu Verzögerungen, Verwirrungen und Rückschlägen führte, und die Rolle der k. u. k. Diplomatie stehen im Mittelpunkt des folgenden Abschnitts. Unter den Regierungen herrschte rasch Einigkeit darüber, die Verhandlungen den Vertretern in Beijing zu überlassen, doch mussten diesen genaue Instruktionen erteilt werden, wenn auch die US-Regierung versuchte, die Verhandlungen von Beijing weg entweder nach Washington oder in eine europäische Hauptstadt zu verlegen. Bevor die Verhandlungen mit China1605 beginnen konnten, mussten sich die Regierungen untereinander verständigen, da China gegenüber mit einer Stimme gesprochen werden sollte. Nach allgemeiner Auffassung sollten die Forderungen Kollektivforderungen sein1606 * * * und der chinesischen Seite erst nach erfolgter Einigung unter den Mächten mitgeteilt werden. 1605 Im Folgenden werden die Sitzungsprotokolle ausschließlich nach Affaires de Chine, Négociations de Pékin, 1900-1902, (o.O., o.J) zitiert. Moriz Freiherr von Czikann sandte am 16.12.1903 drei Exemplare dieses Sammelbandes an das Ministerium des Äußern (HHStA, P.A. XXIX/26, Czikann an Goluchowski, No. 36, Peking, 16.12.1903). ln dem Band wurden die Protokolle der Verhandlungen in Beijing zwischen Dezember 1900 und Juni 1902 zusammengefaßt, die Czikann zuvor jeweils nach Fertigstellung der Druckfassung der Protokolle der einzelnen Sitzungen seinen Berichten beigefügt hatte. Da zwischen dem Tag der Sitzung und der Fertigstellung der Protokolle ein relativ großer zeitlicher Abstand liegt und die Reihenfolge der gedruckten Einzelprotokolle nicht chronologisch ist, erscheint ein Verweis auf die den Berichten des Gesandten in Beijing beigefugten Einzelprotokolle nicht sinnvoll, ln HFlStA, P.A. XXIX/26 erliegen 2 Exemplare, hier wird nach dem in der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB 222.743-C) erliegenden Exemplar zitiert. In den Zitaten wird jeweils Nummer und Tag der Sitzung angegeben (Die bloße Seitenangabe könnte durch die jeweils getrennte Paginierung der Protokolle für den Zeitraum vor Abschluß des Vertrages am 7. 9.1901, der Protokolle für die Zeit danach und der Annexe mißverständlich sein). Zitate haben daher im Folgenden die Form: ACNP, ... séance, <Datum>, [<Seite>], 1606 Ähnlich waren England und Frankreich schon 1860 vorgegangen. Im konkreten Fall ging die Initiative von Japan aus, s.u. Trotzdem war den Diplomaten in Beijing noch Mitte November 1900 unklar, ob eine Kollektivnote oder identische Noten übergeben werden sollten. (ACNP, 8e séance, 13.11.1900 [22]). 439