Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Erbschaft und Erben - Arnold Suppan: Die Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert
Arnold Suppan Denken in Frankreich und Großbritannien zusammen, dessen ideologische Grundlage in Frankreich bereits auf die Französische Revolution zurückgeht.13 Erst Deutschlands Eintreten als Ratsmitglied für seine Minderheiten in Ostmittelund Südosteuropa zwang mehrere Staaten zu gewissen Zugeständnissen, z. B. Jugoslawien 1930. Ab 1933 instrumentalisierte das nationalsozialistische Deutschland die deutschen Minderheiten jedoch für seine Expansionspolitik im Osten.14 Das Katastrophenjahrzehnt für die Minderheiten Ostmittel- und Südosteuropas (1938 bis 1948) Agrarkrise und Weltwirtschaftskrise mit ihrer Massenarbeitslosigkeit sowie der Machtantritt Hitlers ließen gewisse Chancen auf einen Ausgleich zwischen den Nationalitätenstaaten und ihren deutschen und sonstigen Minderheiten in Ostmitteleuropa rasch dahinschwinden. Dabei waren Foreign Office und Quai d'Orsay im Bewußtsein der Widersprüche zwischen Nation und Territorium durchaus bereit, Hitler gewisse nationale Konzessionen zu gewähren. Doch Hitlers Politik war von Beginn an nicht nur auf den „Kampf gegen Versailles“, sondern auch auf die „Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisie- rung“ ausgerichtet. Als erstes Ziel dieser Gewaltpolitik nannte er im November 1937 die Niederwerfung der „Tschechei“ und Österreichs, wovon er sich den Gewinn von Nahrungsmitteln für fünf bis sechs Millionen Menschen versprach, und zwar „unter Zugrundelegung, daß eine zwangsweise Emigration aus der Tschechei von zwei, aus Österreich von einer Million Menschen zur Durchführung gelange“. Weder nach dem „Anschluß“ Österreichs noch nach der Einverleibung des Sudetenlandes und dem deutschen Einmarsch in Prag und der Schaffung des Protektorates Böhmen und Mähren erfolgten Massenvertreibungen in Millionengröße, doch wurde mit dem Inkrafttreten der „Nürnberger Rassegesetze“ und der beginnenden Vertreibung von Juden auch in den annektierten Gebieten eine neue Politik der ostmitteleuropäischen Nationalitätenpolitik verfolgt. Diese kam im Oktober 1938 auch im Olsa- Gebiet (Teschen) zur Anwendung.15 Ab September 1939 richtete sich die NS-Ausgrenzungs- und NS-Vemichtungs- politik primär gegen Juden, aber auch die polnische Intelligenz; aber auch Bauern und Handwerker in den eroberten Gebieten wurden zu Massenauswanderung ins „Generalgouvernement“ gezwungen. Wie Hitler am 6. Oktober 1939 vor dem 13 Flachbarth, Emst: System des internationalen Minderheitenrechtes. Budapest 1937. 14 Hopfner, Hans-Paul: Deutsche Südosteuropapolitik in der Weimarer Republik. Frankfurt/Main- Bem 1983; Schröder, Hans-Jürgen: Deutsche Südosteuropapolitik 1929-1936. In: Geschichte und Gesellschaft (1976), S. 3-31. 15 Wendt, Bernd-Jürgen: Großdeutschland. Außenpolitik und Kriegsvorbereitung des Hitler- Regimes. München 1987, S. 191-202; vgl. Nicolson, Harold: Dianes and Letters 1930-1939. London 1966, S. 334. 82