Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Arnold Suppan: Die Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert

Amold Suppan Die Zuspitzung der Krise in der Habsburgermonarchie vergrößerte auch die Ab­hängigkeit vom Deutschen Reich. Dies manifestierte sich im Frühjahr 1918 in verzweifelt angeforderten Getreideaushilfen bis hin zur Beschlagnahme deutscher Getreideschlepper in Wien Ende April, im „Canossagang“ Kaiser Karls ins deut­sche Hauptquartier nach Spa, vor allem aber in Verhandlungen über ein engeres Militärbündnis und eine Zollunion in Salzburg im Sommer 1918. Kein Zweifel, die Verwirklichung dieser Verträge hätte den Bündnispartner Österreich-Ungarn nicht nur außenpolitisch fester an das Deutsche Reich gebunden, sondern Berlin auch stärkere militär- und handelspolitische Einflußnahmen ermöglicht, also gewiß zu einer Machterweiterung Deutschlands im Donauraum geführt. Der Naumann-Plan, der eine enge politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit Mitteleuropas vom Niederrhein bis zur unteren Donau beinhaltete, wäre zu einem beachtlichen Teil realisiert worden.4 Seitdem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson seine 14 Punkte verkün­det hatte, hatten sich sowohl die Machtverhältnisse als auch die Standpunkte der westlichen Politiker und Militärs verändert. Mit der beginnenden Niederlage des deutschen Heeres im Westen seit August 1918 begannen die Oberbefehlshaber Ferdinand Foch, Douglas Haig und John J. Pershing die Forderung nach bedin­gungsloser Kapitulation aufzustellen, um an die Stelle eines Verhandlungsfriedens einen Diktatfrieden setzen zu können — vergleichbar dem Vorgehen Deutschlands gegen Rußland in Brest-Litovsk. Auch Robert Lansing, Secretary of State, stellte sich am 28. Oktober 1918 die Frage, „how far we should go in breaking down the present political organization of the Central Empires?“ Sein britischer Amtskollege Lord Balfour hatte schon am 13. Oktober die Zerschlagung des preußischen Milita­rismus gefordert - sowohl durch Gebietsabtretungen in Elsaß-Lothringen, Posen und Schlesien, durch Verlust der Kolonien, als auch: „to see her principal ally, Austria, smashed for ever“. Palmerston’s Satz aus dem Jahr 1848 - „Austria is something worth saving“ - war vergessen: Lediglich der südafrikanische Minister­präsident Jan Smuts, Mitglied des britischen War Cabinet und enger Vertrauter Lloyd Georges, wies in seiner kurz vor der Eröffnung der Pariser Friedenskonfe­renz erschienenen Broschüre „The League of Nations. A practical suggestion“ nachdrücklich auf die Notwendigkeit hin, die europäischen Nationalitäten des Habsburgischen und Osmanischen Reiches unter einem neuen Dachverband zu­sammenzufassen. Dieser sollte ihre Beziehungen überwachen, ihre bisherige wirt­schaftliche Zusammenarbeit aufrechterhalten und ihre politischen Auseinanderset­4 Plaschka, Richard G,- Haselsteiner, Horst -Suppan, Arnold: Innere Front. Militäras­sistenz, Widerstand und Umsturz in der Donaumonarchie 1918, 2. Bde. Wien 1974; Broucek, Peter: Reformpläne aus dem Beraterkreis Erzherzog Franz Ferdinands und Kaiser Karls. In: Mit­teleuropa-Konzeptionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Richard G. Plaschka, Horst Haselsteiner, Arnold Suppan, Anna M. Drabek und Brigitta Zaar. Wien 1995, S. 111-122; vgl. N au mann, Friedrich: Mitteleuropa. Berlin 1915. 78

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