Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Verfolgung. Anpassung. Emigration. mus auf der Straße - mit Beschimpfungen, Drohungen und gelegentlichen Über­griffen - gehörte zu den Alltagserfahrungen eines sowjetischen Juden. Von dem Regime wurde der Judenhaß, weiterhin als Antizionismus getarnt, als politische Waffe eingesetzt, um wie schon unter Stalin von den eigentlichen Problemen des Landes abzulenken. Die sowjetischen Juden wurden ständig daran erinnert, daß sie Juden sind, auch wenn sie keine mehr sein wollten und am liebsten längst Russen oder Ukrainer geworden wären. Es war nur der Paß, der viele zu Juden machte. Auch heute betrachten sich die meisten russischen Juden als Angehörige einer jüdischen Schicksalsgemeinschaft, kulturell und sprachlich jedoch als Russen. Vom Rest der Bevölkerung unterscheiden sie sich allenfalls durch ihre nichtrussisch klingenden Familiennamen. Obwohl die Sowjetunion ursprünglich die Gründung des Staates Israel unterstützt und dem Jüdischen Staat noch vor den USA ihre Anerkennung ausgesprochen hatte, stellte sie sich bereits einige Jahre später aus strategischen und ideologischen Gründen hinter die arabischen Staaten. Der jüdische Staat wurde erst als imperiali­stisch und sodann sogar als faschistisch diffamiert. 1967, nach dem im Westen euphorisch begrüßten Sieg Israels im „Sechstagekrieg“, wurden viele sowjetische Juden gezwungen, öffentlich die Verbrechen des „zionistischen Gebildes“ anzu- prangem und den Zionismus als verbrecherisch zu bezeichnen. So ist es nicht ver­wunderlich, daß viele Juden angesichts dieser anhaltenden Schikanen einen Schwenk um hundertachtzig Grad vollzogen, sich ihrer jüdischen Identität zu be­sinnen begannen und eine Auswanderung nach Israel anstrebten. Schon in den Fünfzigerjahren hatten einzelne zionistische Aktivisten illegale Kleingruppen ge­bildet, welche sich für das Recht aller Juden zur freien Ausreise aus der UdSSR einsetzten. Die Zahl solcher Gruppen stieg im Laufe der Sechzigerjahre an. Die sowjetischen Behörden standen der Auswanderung sowjetischer Juden vor­erst ablehnend gegenüber, obwohl schon unter Chruschtschow vereinzelt Ausreise­genehmigungen erteilt wurden. Entsprechende Anträge zionistischer Aktivisten wurden jedoch zumeist abgelehnt. Eine Gruppe ausreisewilliger Juden aus Lenin­grad versuchte 1970 sogar in ihrer Verzweiflung, ein Flugzeug nach Schweden zu entführen. Diese „Terroristen“ wurden schon am Flughafen festgenommen und später zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Daß die sowjetischen Machthaber in Auswanderungsfragen seit etwa 1971/72 ei­ne liberalere Haltung an den Tag legten, hat mehrere Gründe. Einerseits wurde die jüdische Emigrationsfrage in die bilaterale Entspannungspolitik miteinbezogen - die sowjetische Führung war damals um das Wohlwollen der jüdischen Öffent­lichkeit in den USA bemüht, weil sie Rüstungsbeschränkungen und Handelser­leichterungen anstrebte - andererseits wollte man unliebsame Personen wie zioni­stische Aktivisten, Dissidenten, kritische Intellektuelle, Schwarzmarkthändler- sogenannte „Spekulanten“ - oder Betreiber illegaler Produktionsstätten loswerden, indem man sie emigrieren ließ oder zur Emigration zwang. Natürlich schürte man 67

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