Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Verfolgung. Anpassung. Emigration. Juden in den nichtbesetzten Teilen der Sowjetunion eine extrem hohe Zahl ist. Etwa 200.000 Juden sind im Kampf gefallen. Machen wir einen Zeitsprung: Anfang 1948 begibt sich der Leiter des Staatlichen Jiddischen Theaters in Moskau, der bekannte Schauspieler und Regisseur Solomon Michoels, nach Minsk, um in der weißrussischen Hauptstadt zwei neue Inszenie­rungen anzusehen. Sein Begleiter ist der Theaterwissenschaftler Golubow- Potapow. Am Abend des 12. Jänner läutet im Hotel, wo die beiden Gäste aus Mos­kau abgestiegen sind, das Telephon. Golubow geht an den Apparat. Ein Minsker Verwandter von ihm feiere Hochzeit, erzählt Golubow nach dem Telephongespäch, und würde gerne ihn und den berühmten Schauspieler zu sich als Gäste einladen. Ein Wagen werde umgehend vorbeigeschickt. Michoels willigt ein. Die Fahrt geht jedoch nicht zu einem Haus, wo fröhlich Hochzeit gefeiert wird, sondern auf die Datscha des Ministers für Staatssicherheit Weißrußlands. Michoels ahnt nicht, daß Golubow ihn in eine Falle gelockt hat. Im Hof der Datscha wird der Schauspieler aus dem Wagen geholt und niedergeschlagen. Die auf Befehl der höchsten Instanz handelnden Mörder überfahren ihn mit einem Pkw und bringen den Sterbenden in einen entlegenen Teil von Minsk, wo sein Leichnam am nächsten Tag gefunden wird. Auf dieselbe Weise wird auch Golubow ermordet. Vorsichtshalber hat man den Provokateur gleich mitbeseitigt. Die Zeitungen berichten in den nächsten Tagen von einem tragischen Verkehrs­unfall. Angehörige, Kollegen und Freunde des Toten wissen es besser oder ahnen die Wahrheit. Michoels war einer der populärsten jüdischen Künstler der Sowjetunion. Seit den Zwanzigerjahren war er nicht nur am Jiddischen Theater tätig, sondern hatte auch in zahlreichen Kinofilmen mitgespielt. Während und nach dem Krieg engagierte sich der Künstler öffentlich für die Anliegen der jüdischen Bevölkerung des Lan­des. Seine Ermordung ist der Auftakt zur größten systematischen Judenverfolgung seit dem Holocaust. Den berühmten Schauspieler offen zu attackieren oder gar festnehmen zu lassen, hat man noch nicht gewagt und stattdessen den „Verkehrs­unfall“ inszeniert. Doch bald fahrt das Regime in seinen Medien - unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den sogenannten „Kosmopolitismus“, den .jüdi­schen Nationalismus“ und Zionismus - mit schwerem Geschütz gegen einzelne Angehörige des bedrohten Volkes auf. Die Diktion bedient sich altbewährter anti­semitischer Klischees. Der Angriff wird zwar nie offiziell, wohl aber de facto ge­gen die Juden als Volk geführt. Die antisemitische Stimmung im Land wird ange­heizt. Tausende Juden - insbesondere führende Künstler, Wissenschaftler, Akade­miker - werden festgenommen. Viele werden hingerichtet oder kommen in Lagern um. Andere haben mit öffentlichen Anfeindungen, schweren beruflichen Benach­teiligungen oder Entlassungen zu rechnen. Jüdische Einrichtungen (Zeitungen, Theater, Verlage, etc.) werden aufgelöst. Nachdem ein angebliches Mordkomplott jüdischer Ärzte gegen Stalin und andere Mitglieder des Politbüros „aufgedeckt“ 63

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