Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

István Fazekas: Die ungarischen Archivdelegierten im Haus-, Hof- und Staatsarchiv, sowie im Finanz- und Hofkammerarchiv - Ein Bilanzversuch

Die ungarischen Archivdelegierten im Haus-, Hof- und Staatsarchiv gelöst. Miskolczy kehrte im Jahre 1935 als Direktor der Wiener Ungarischen Kul­turinstitute (Historisches Institut und Collegium Hungaricum) aus Rom nach Wien zurück19. Aber er wurde nicht nur zum Direktor und Gastprofessor an der Universität ernannt, sondern bekleidete auch das Amt des Archivdelegierten und die Stellung des Beauftragten bei den Wiener Museen (dieses Amt wurde auf Grund des Venetianer Kulturabkommens aufgestellt)20. Es hätte sogar einem mit­telalterlichen Praelaten zur Ehre gereicht, so viele Pfründe zu besitzen. Verständ­licherweise hatte er keine Zeit im Bereich der Archive wirkliche Arbeit zu leisten. Die Geschäftsführung und die „archivalischen Kleinigkeiten“ sind meistens dem Oszkar Paulinyi geblieben, der übrigens der Obersekretär des Instituts für ungari­sche Geschichtforschung in Wien war21. Der Anschluß brachte im Jahre 1938 keine nennenswerte Veränderung, aber die ungarische Seite hielt es für nötig, mit der Vorbereitung eines neuen Vertrages seine Interessen zu schützen. Nach den deutsch-ungarischen kulturellen Verhand­lungen erteilte das Reichsinnenministerium als Oberbehörde der Archive dem Direktor des Reichsarchivs Wien, Ludwig Bittner, die Weisung, die Verhandlungen zu beginnen. Die verhandelnden Parteien, Bittner und Miskolczy hatten sich fast geeinigt, als das Reichsinnenministerium Direktor Bittner anwies, die Verhandlun­gen abzubrechen. Danach meinte das ungarische Außenministerium, die Archiv- Frage nicht weiter anrühren zu sollen. Aber später, im Jahre 1940 versuchte Miskolczy nochmals, durch Vermittlung von Direktor Bittner von den deutschen Oberbehörden die Einwilligung zu bekommen, daß Ungarn zumindest einen neuen „Delegierten-Anwärter“ entsenden könne. Ungarn wollte die Situation vermeiden, daß der Vertrag wegen Mangels an Delegierten beendet würde22. Aber Miskolczy bemühte sich ohne Ergebnis, denn ein neuer Beauftragter kam erst nach dem Krieg an. Entgegen allen Befürchtungen hat aber der Krieg die im Archiv bestehenden Umstände nicht beeinträchtigt. Es gab also eine personelle Veränderung nach dem Zweiten Weltkrieg. Der schon 17 Jahre lang in Wien Dienst leistende Oszkar Paulinyi wurde von Oszkar Sashegyi abgelöst23. In den schwierigen Verhältnissen der Nachkriegszeit wartete auf den neuen Archivdelegierten nicht nur die archivische Arbeit, sondern auch die Stelle eines Assistenten, Sekretärs und Verwalters in den Wiener Ungarischen Kulturinstituten24. 19 Seine Selbstbiographie MOL K 66 -1936 - III/6 (30.399/1935). Für diese Angabe danke ich Dr. Gâbor Ujväry (Collegium Hungaricum, Wien). 20 Der Brief von Bälint Hömann (14. Feber 1936). Dénes Jânossy wurde am 30. Juni 1936 zurückgeru­fen, aber seine Regierungsbeauftragung ist gültig geblieben (!). MOL K 726 219/1936, MOL Y 1 459/ 1936. Dénes Jânossy hat den Antrag auf das Amt der Beauftragten bei den Wiener Museen gestellt. Er hat auf tschechisches Beispiel Bezug genommen. MOL K 726 792/1936. 21 Magyar Tiszti Név-és Cfmtâr (Ungarischer Staatsschematismus) 1943. Dr. Oszkar Paulinyi, Staats­oberarchivar, Obersekretär. 22 Memorandum von Gyula Miskolczy (5. Dezember 1940), mit Verzeichnis von Dénes Jânossy vom 29. Jänner 1941. MOL Y 1 Karton 213. 23 MOL Y 1 45/1946, 87/1946. 24 Arcok a magyar levéltârakbôl. Négyszemkôzt Sashegyi Oszkârral (Köpfe aus den ungarischen Archi­ven. Unter vier Augen mit Oszkar Sashegyi). In Levéltâri Szemle 37 (1984) 68-69. 98

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