Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
† Peter Gasser: Karl VI., Triest und die Venezianer
Peter Gasser Textilsektor, sondern auch die Möglichkeit, gegenwärtig alle gängigen Tuchsorten innerhalb der Erbländer herstellen zu können. Diese in den Tarifordnungen der Jahre 1725 und 1730 nicht vorgesehenen, höheren Einfuhrzölle hätten sich für die Tri ester Fiera äußerst nachteilig ausgewirkt und nicht unerheblich zu ihrem negativen Gesamtergebnis beigetragen. So wären Tuchhändler von Triest sofort nach Udine bzw. nach Süddeutschland weitergezogen. Unverständlich war für Cervelli, daß diese Einfuhrerschwerung nur für Triest, nicht aber für Bozen in Kraft getreten war. Selbst für jenen alteingeführten Markt würde ein solches Verbot hohe Verluste und den schließlichen Niedergang bringen, für Triest aber könnten diese Maßnahmen die Aussichtslosigkeit aller künftigen Messen und damit die Abwürgung des kaum erst begonnenen Seehandels bedeuten. Ein Freihafen erfülle, meinte Cervelli, nur dann seine Aufgabe, wenn er für alle Waren und Güter die freie Einfuhr ermögliche. Ferner sei ein Porto franco nicht nur als Ein- oder Ausführhafen für das eigene Land, sondern auch als internationaler Umschlagplatz gedacht. Dies habe wieder zur Folge, daß viele der auf dem Seewege eingelangten Waren noch im Hafen gegen andere Güter eingetauscht würden und das Freigebiet in Richtung See wieder verließen. Im Gegensatz zu Widmann und den maßgeblichen Wiener Stellen wünschte Fortunato Cervelli die konsequente Interpretation der Freihafenbestimmungen. Die seiner Ansicht zu unrecht eingeführten, einem Einfuhrverbot praktisch gleichkommenden neuen Tuchzölle hätten das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der österreichischen Merkantilbehörden erschüttert und den fremden Kaufleuten den Anreiz, Triest oder Fiume aufzusuchen, genommen160. In seiner Relation an den Kaiser, in dessen Auftrag er über den Handel und die Fiera von 1731 berichtete, spricht der Cavaliere Domenico Jauna, ein gebürtiger Piemontese, daß man in Triest nicht von einer Fiera, bestenfalls von einem mercato di Merciari, also von einem Hausierermarkt sprechen könne. Es wären zwar Kaufleute aus Mailand, Florenz, Lucca, Bologna und Modena wie aus Deutschland und Frankreich gekommen. Ihr Angebot bestand jedoch vielfach aus Waren, die in ihren Geschäftslokalen und Magazinen unverkauft geblieben wären, also residui di Bot- teghe e Magazini. Triest und seine Fiera könnten nur gedeihen, wenn in der Stadt eine „forte Compagnia“ - eine gut fündierte Gesellschaft gegründet werde, deren Direktoren sich durch Fachkentnis und „assoluta Probita“ auszeichnen müßten. Der Zustrom kapitalskräftiger Händler müsse forciert werden. Größere Lagerhäuser sollten errichtet und der Hafen neu ausgebaggert werden161. Ungeachtet der mit der Orientalischen Kompanie zusammenhängenden Komplexe, hätte die „Fiera di Trieste“ auch in diesem Jahr unter anderen organisatorischen und propagandistischen Voraussetzungen bereits erfolgreich gestaltet werden können. Dies geschah aber nicht. Wie auf anderen Gebieten konnte sich die karolinische Regierung zu keinerlei konsequenten Entscheidungen aufraffen. 160 HHStA Wien, Österreichische Akten, Triest-Istrien, Fasz. 9, fol. 506’ „... et instantemente si supplica di non fare alcuna minima novità, ma di levare questo nuovo e forte dazio ...“. 161 Ebenda,Fasz. 10, fol. 179' bis 182’ „... ehe diventera senza fallo tanto gradita, deliziosa e mercantile quand’alcun altra del Mediterraneo.“ 90