Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

† Peter Gasser: Karl VI., Triest und die Venezianer

Karl VI., Triest und die Venezianer kunft durch Bescheinigung einer Triestiner, Fiumaner oder Görzer Zollstelle bewie­sen und ihre Ankunft am Bestimmungsort von einer böhmischen Kontrollstation innerhalb einer dreimonatigen Frist bestätigt werden. Auf diese Art erhielten Händ­ler den gleichsam als Kaution erlegten Transitzoll rückerstattet. Auch der Ferrarese Fortunato Cervelli billigte die neuen Tarifordnungen nicht vorbehaltlos. Cervelli wurde 1682 oder 1683 in Ferrara als Sproß der jüdischen Familie Rieti geboren. Um 1690 nahm die Familie den katholischen Glauben und den neuen Namen an. Als kaiserlicher Resident im päpstlichen Ferrara erblickte Fortunato Cervelli sein Lebensziel im Ausbau der merkantilen Beziehungen Öster­reichs zu Italien. In diesem Zusammenhang verdienen seine Bemühungen um das Zustandekommen einer Fiera in Triest im Zeitraum 1725 bis 1731, und seine noch in den Jahren 1737 und 1738 bestehenden Pläne zur Intensivierung des Handelsver­kehrs von Triest mit Innerösterreich, der Lombardei und Toskana unter Ausnützung des Po besondere Beachtung. Als ein Gegner des Systems der Porti franchi befürwor­tete Cervelli die Aufhebung des Freihafenprivilegs für Fiume und die Konzentrie­rung aller einschlägigen Bemühungen auf nur einen Hafen - Triest. Am 10. Septem­ber 1729 in den rittermäßigen Adelsstand erhoben, erhielt er u. a. auch aufgrund von Meriten, die er sich bei der Verproviantierung der in Italien gegen die Gallo-Spanier kämpfenden kaiserlichen Truppen erworben hatte, am 6. Februar 1737 den österrei­chischen Freiherrnstand. Cervelli, der als Wirtschaftsexperte einen ausgezeichneten Ruf hatte, wurde des öfteren zu kommerziellen Besprechungen nach Wien geholt, und zeigte sich, wohl auch durch Mittelsmänner, über die von der Regierung geplan­ten einschlägigen Maßnahmen im allgemeinen gut orientiert128. In seiner Umilissima Esposizione bemängelte Fortunato Cervelli, daß in der Tarif­ordnung vom 9. November 1731 keine unterschiedliche Behandlung der Öleinfuhren aus der Levante und Süditalien vorgesehen war129. Demnach unterlag auch weiterhin das aus Neapel und Sizilien über Triest und Fiume importierte Öl dem für ausländi­sche Produkte vorgesehenen Tarif von 1, 19 Gulden pro Orna, während das als „einheimisch“ deklarierte istrianisch-dalmatinische Öl für die gleiche Menge mit einer Transitgebühr von nur 2 Heller belastet bleiben sollte. Cervelli, der die Interes­sen der darob aufgebrachten süditalienischen Produzenten zu vertreten vorgab, war zweifellos im Recht, wenn er die aus den kaiserlichen Gebieten Neapel-Sizilien kommende Produktion „als inländische“ und nur das aus Kreta, Korfu und der übri­gen Levante stammende Öl als ausländische Ausfuhr deklariert wissen wollte. Dem stand entgegen, daß in Ermangelung geeigneter Lagerungsmöglichkeiten in Triest bzw. in Fiume alle für diese Häfen bestimmten Ölsendungen zunächst in Venedig 12! AVA Wien, Adelsakt Cervelli: Rittermäßiger Adelsstand und erbländischer Freihermstand für Fortunato Cervelli vom 10. September 1729 bzw. 6. Februar 1737. Fortunato Cervelli starb als sehr reicher Mann am 25. Juli 1755 in Ferrara. Sein Vermögen erbte sein Neffe Alexander Cervelli, der auch den Freiherm­stand erhielt. Alexander Cervelli übersiedelte nach Prag und in der Folge nach Wien. Die Familie erlosch in Österreich um 1936. Wertvolle Hinweise über Fortunato Cervelli hat mir in liebenswürdiger Weise Al­berto Carraciolo, Professor der Facoltà di Economia e Commercio an der Université degli Studi di Urbino, gegeben. 129 HHStA Wien, Österreichische Akten, Triest-Istrien, Fasz. 9, fol. 501 bis 507’. 77

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