Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
† Peter Gasser: Karl VI., Triest und die Venezianer
Peter Gasser gets der zur Unterbindung der Schmugglertätigkeit aufgebaute kostspielige Apparat bei Abschaffung der Zölle hinfällig. Diesen Maßnahmen der Venezianer Rechnung tragend, hätte sich der Kaiser nunmehr aktiver, als es bis jetzt geschehen, in die Zollfragen einzuschalten und müßte auf die völlige Aufhebung der Ein- und Ausfuhrabgaben, auch außerhalb des Freigebietes, sowie auf die Vereinfachung und Reduzierung der im Binnenlande eingehobenen Zölle drängen. Als einheitliches Zollgebiet wäre die Monarchie allein durch die Größe Venedig gegenüber im Vorteil, vor allem im Kampf um die levantinischen Märkte120. Mit Patent vom 11. November 1730 und jenem vom 9. November 1731 führte Karl VI. eine neue Zoll- und Tarifordnung ein. Zu entscheidenden Maßnahmen, wie sie etwa Stefano Grenna angeregt hatte, entschloß sich der Kaiser zwar nicht, eine fühlbare Entwirrung der reichlich verworrenen Materie konnte jedoch bis zu einem gewissen Grad erzielt werden121. Anfang 1730 hatte der Monarch eine Sonderkommission zur „Einrichtung des commercii maritimi“ nach Triest entsandt und ihrem Mitglied, einem Hofrat der Böhmischen Hofkanzlei, Johann Anton von Widmann, sein besonderes Vertrauen geschenkt. In einem am 2. Dezember 1730 dem Kaiser vorgelegten, nur in einer italienischen Übersetzung vorliegenden Elaborat Sopra l'introduzione dei commercio maritimo nel Litorale Austriaco faßte Widmann seine Eindrücke zusammen122. An dieser Stelle sei es mir gestattet auf einen Irrtum A. T. Tamaros hinzuweisen, wenn er in seinem Werke folgende Behauptung aufstellt: Nel dicembre 1730 il Veneziano Giovan Antonio Widmann présenté al Imperatore un rapporta polemico, di cui esiste un „ottima elaborazione in tedesco dell’anno seguente e ehe contiene tutte le obbiezioni, ehe si faccevano contro l’introduzione del commercio a Trieste“. Von Widmanns Bericht vom 2. Dezember 1730 liegt in den Österreichischen Akten, Triest-Istrien nur eine Übersetzung (Traduzione) vor, nicht aber die erwähnte „elaborazione tedesca“. Möglicherweise hat der Triestiner Historiker an ein Mitglied der venezianischen Familie Widmann-Rezzonico gedacht. Da Widmanns „rapporto polemico“ sich naturgemäß gegen die Interessen der Serenissima richten mußte, darf wohl angenommen werden, daß der Verfasser kein Venezianer gewesen sein konnte. Als venezianischer Untertan wäre er zweifellos mit den Gesetzen der Republik in Konflikt geraten123. In der Person des Freiherrn Johann Anton von Widmann traf Karl VI. eine glückliche Wahl. Der einem alten mährischen Adelsgeschlecht entstammende, am 29. Oktober 1675 zu Iglau geborene, am 5. Mai 1739 zu Wien verstorbene Hofrat hatte sich in seiner Jugend „... auf verschiedenen berühmten Universitäten sowohl dem 120 HHStA Wien, Österreichische Akten, Triest-Istrien, Fasz. 9, fol. 56' „... e cosi si vedrà inciampate il Veneto nella fossa che prépara al Vicino .. 121 Ebenda,fol. 433v; aus dem Bericht Widmanns vom 2. Dezember 1730: „Mentre veruna Cosa puö render ad un Mercante si confuse, ed alterate nel Suo traffico, e nei Suoi Negozii, che Tincertezza e l’instabilità delle Gabelle, non essendo credibile quante rappresentazioni nè’furono formate da tutti li Ne- gozianti...“. 122 Ebenda, fol. 399^t42\ 123 E b e n d a, fol. 399' und T a m a r o : Storia di Trieste. Bd. 2, S. 172. 74