Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Fritz Prasch: Spuren der österreichischen Industrialisierung in Archiven und Bibliotheken

Fritz Prasch ihre technischen Inhalte, die entweder nur als innovative Ideen zu werten sind oder einen neuen Abschnitt wirtschaftlicher und/oder technischer Realität markierten. Das älteste Fabriksprivilegium wurde um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Tirol erteilt, die jährliche Anzahl an Verleihungen blieb fast hundert Jahre nahe bei Null, erst ab 1651 wird eine Summe von 15 Verleihungen in den Folgejahren bis 1700 registriert. Die nächsten zwanzig Jahre zeigen einen Höhepunkt von 36 Verleihun­gen zwischen 1741 und 1760. Bis 1800 ergibt sich eine Gesamtsumme von 113 ver­liehenen Fabriksprivilegien, von denen 29 auf eisen- und metallverarbeitende Betrie­be entfielen. Die Privilegienwerber konnten In-, als auch Ausländer sein, die Stan­deszugehörigkeit betreffend rangierten bis 1800 die Handwerker vor den Händlern und den Adeligen. Die aus den Beständen verschiedener Archive stammenden, von Kaiser Karl VI. und seiner Tochter Maria Theresia erlassenen Urkunden beinhalten Bestimmungen, die in der heutigen geltenden Rechtsordnung im Handelsgesetzbuch und in der Ge­werbeordnung zu finden wären. Hinweise auf eine maschinelle Ausstattung fehlen. Eine vielzitierte Ausnahme ist das mit 23. April 1751 datierte Inventar der Nähna­del- und Drahtzugsfabrik „Nadelburg“ in Lichtenwörth bei Wiener Neustadt. Dieses vom Manufaktur- und Fabriqueninspector Moter gefertigte Verzeichnis ist nicht den oben erwähnten Fabriksprivilegien zuzuordnen, bietet jedoch eine Beschreibung, deren Umfang und Gründlichkeit den neunzig Jahre später erstellten Berichten schon sehr nahe kommt. Das „Inventarium“ beginnt mit der „nehenadel-fabrique“, die „zwei stock hoch“ aus 2 Schuh (= 63 cm) dicken Mauern mit einem Grundriß von 35x35 Schuh (= 122,3 m1) „innerer Lichte“ erbaut war. Die „draht-zug-fabrique“ hatte fast 1 m dicke Mauern, ähnliche Breite und Höhe, war aber 66 Schuh (ca. 21m) lang. Im dritten Gebäude stand der Eisenhammer20. In seiner Beschreibung häufen sich alte Bezeichnungen, wie z. B. „Gefluder“, ein hölzernes Gerinne zur Wasserführung, oder „Össe“ für Schornstein. Von der War­men Fischa, die knapp danach in die Leitha mündet, getriebene Wasserräder beweg­ten die Schleifräder, das „Maschinenwerk“ der Drahtzieherei, die Hämmer und die Blasbälge. Der Vorrat an ganz- und halbfertigen Nadeln belief sich am Inspektions­tag auf insgesamt 1,035 000 Stück. 1841 wies die Fabrik einen Jahresausstoß von 30 Millionen Nadeln nebst einem Sortiment an Messing-, Kupfer- und Tombakwa­ren und Klaviersaiten aus. Damals stand sie - seit 1815 - im Eigentum von A. Hai- nisch. Seit der Gründung 1747 durch J. Chr. Zug, der 1751 vom Ärar und 1769 von Graf Th. Batthyany als Eigentümer- abgelöst wurde, waren jährlich zwischen 80 (1755) und 644 (1768) Arbeiter beschäftigt, die sich auch der Fürsorge eines vom Betrieb bezahlten Arztes (1751: Dr. Jacob Felsreiß aus Wr. Neustadt) erfreuen konnten. Eine solche frühe Sozialeinrichtung erwähnen auch spätere Berichte, ebenso die „Bruderlade“ der Bergleute, die älteste Fürsorgeeinrichtung in Österreich, die von 20 Otruba: Österreichische Fabriksprivilegien, S. 366-371. 138

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