Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

Herman Freudenberger Kolbielsky war auch davon überzeugt, daß Skalenerträge in der Bearbeitung der Fabrik verzeichnet werden könnten. „Ich sagte oben je größer eine garn manufactur angelegt wird, je höher ist ihr betrag. Und dies beruhet darauf, daß ein Mühlenwerk welches 200 Maschinen treibt, verhältnismäßig weit weniger kostet als eins das 10 treibt, daß ein Manufakturhaus (factorei genannt) für 200 Maschinen eben so verhältnismäßig weniger kostet als eine für 50, und daß die administrations Kosten für 50 Maschinen die nehmlichen sind als für 200.“ Diese und andere An­schauungspunkte lassen eine rationelle Analyse erkennen, die wahrscheinlich nicht sehr oft vorzufinden war - nicht einmal in England. In einer Hinsicht, bei vielleicht sehr kritischer Betrachtung, scheint all sein rationelles Denken nicht von Belang gewesen zu sein. Er machte diesen Vorschlag, der über eine Million Taler zu stehen kam, einem Mann, der einer der kleinsten selbständigen Fürsten Deutschlands war, mit Einkünften, die sich 1822 auf nur 140 000 Gulden beliefen und der über nur 75 000 Einwohner regierte73. Schwarzenberg, dessen selbständiges Fürstentum durch Napoleon weggenommen wurde, verfugte wahrscheinlich damals schon, wenn man alle seiner Besitzungen zusammennimmt, über eine wesentlich größere Einwohner­zahl und höhere Einkünfte als Heinrich XIII. Fürst von Reuss. Diese Exkursion in das Fürstentum Reuss hatte nur einen Zweck, nämlich die Or­ganisation der Pottendorfer Garn-Manufaktur zu beleuchten und dabei auch einen Beitrag zur Erforschung der sich entwickelnden modernen Fabrik in Europa zu leis­ten. Das Fundament für diese industrielle Institution wurde durch eine Zusammenar­beit dreier Hauptakteure bewirkt: Der Staat, der als vermeintlicher Förderer der ökonomischen Entwicklung funktionierte, der aber vielleicht besser daran getan hätte, ganz und gar außerhalb des Entwicklungsprozesses zu stehen; zweitens, eine Unternehmergestalt, Kolbielsky, die - wie es oft geschieht - den Ball ins Rollen brachte, aber die Unternehmung selbst nicht leiten konnte; und drittens die Kapital­isten, die sich hauptsächlich aus Aristokraten und Wiener Bankiers zusammensetz­ten. Unter ihnen waren in den 1820er Jahren solche Herren wie Schwarzenberg, Esterhazy und Wrtby von der Seite des hohen Adels und Sina, Badenthal, Frank, Berger und Weigl von den Geschäftsleuten. Aus ihrer Mitte wurden zwei, später drei, Direktoren für eine Amtszeit von drei Jahren gewählt, die für den Betrieb verantwortlich waren und sich vor einer Generalversammlung der Aktieninhaber jedes Jahr verantworten mußten. Sie waren „ermächtigt das nöthige Dienstpersonal aufzunehmen“ und deren Belohnung festzusetzen, und zwar mit der Bedingung, daß die Generalversammlung darüber unterrichtet werde. Für diese Dienste sollten den Direktoren im Vertrag vom Jahre 1846 eine Provision von 5 000 fl. zukommen74. Da keine der durchgesehenen Akten eine ähnlich detaillierte Beschreibung der Geschäftsverpflichtungen beinhaltete, erlaube ich mir, dieselbe für stichhaltig zu erachten, welche die Art und Weise, in der die Gesellschaft von Anfang an betrieben wurde, aufzeigt. Hassel, Georg: Lehrbuch der Statistik der Europäischen Staaten. Weimar 1822, S. 303 f Archiv der Stadt Wien, Merkantil-und Wechselgericht 1760-1850, P 399, S. 191 f. 130

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