Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

Herman Freudenberger Deckung für die „Cavaliere“, die die wirklichen Inhaber waren2. Warum die Aristokraten, deren Verbindung mit der neuen Fabrik bekannt war, eine solch sonderbare Vorgangs­methode gewählt hatten, ist nicht klar. Wie dasselbe Dokument ausfuhrt, wollten sie es leichter machen, andere Teilhaber zu bewegen, Aktionäre zu werden. Das klingt aber nicht sehr wahrscheinlich. Man sollte doch das Gegenteil erwarten. In den Rechnungsbüchem der Schwarzenberg Bank stehen verschiedene Eintragungen, die wenigstens für die ersten Jahre eine Unterstützung für die Fabrik zeigen. Thomton z. B. erhielt viele Vorschüsse im Jahre 1802, die auf ein Spinnerei-Konto eingeschrieben wurden. Auch viele Zahlungen waren zugunsten Kolbielskys gemacht worden, die ohne Zweifel eine Vergütung für den Freiherm darstellten, für Kosten, die er zur Anwerbung der englischen Facharbeiter ausgab3. Auch bestehen verschiedene Eintragungen wie die vom 22. März 1803: „Spinnerey Bankantheil der 2ten Einlage auf die Aktien N° 26, 27, 28 und 29 per 4 000 fl. zur Gesellschaftskasse 16 000 fl.“ Aus diesen wie auch anderen Eintragungen ist zu schließen, daß die Bank, trotz gegenteiliger Behauptung von 1824, direkt an der Fabrik beteiligt war. Ohne die Akten der Bank komplett durchzustudieren, ist es unmöglich festzustellen, ob die Vorschüsse jemals wieder zurückbezahlt wurden. Man möchte auch gerne konstatieren können wie der Gedanke, eine große Fabrik zu errichten, zustandekam. Kolbielsky schrieb, daß er als Bevollmächtigter der Schwarzen­berg Bank, wie die Oktroyirte Wiener Leihbank genannt wurde, auf der Reise durch Norddeutschland nach England im Jahre 1799, von sich aus auf die Idee kam, durch englische Spinnmaschinen Baumwollgarn in der Habsburgermonarchie zu erzeugen4. Das mag schon sein, aber es ist fraglich, ob auf diesem Weg, wo der Gedanke sozusagen aus der Luft gegriffen wurde, diese große Unternehmung zustandekam. Wie in der Folge gezeigt werden wird hatten sich Regierungskreise schon früher mit der Einführung der Maschinenspinnerei befaßt. Schon im April 1801 machten die diesbezüglichen Behörden darauf aufmerksam, daß „nur eine große, aus sehr vermöglichen bestehende Gesellschaft dieses Unternehmen zu Stande bringen kann, so wie es auch der Gewinn erforderet diese Anstalt im Großen zu betreiben, und so wie es bekannt ist, daß in England selbst keine Manufaktur ein großes Kapital wie solche Maschinenspinnung erfordere ..." besteht5. Die Größe der Pottendorfer Fabrik dürfte durch den Anspruch Thorntons, nur dann nach Österreich zu kommen, wenn 50 Maschinensätze gebaut werden würden, bestimmt wor­den sein. Seitens der Bank scheint nichts iniüiert worden zu sein. Als Kolbielsky am 18. Januar 1799 von der Bank den Auftrag bekam, eine Reise auf ihre Spesen anzutreten, sollte er nur für die „Aufbringung von Kapitalien und Verschaffüng Mercantilischer Verbindungen“ verantwortlich sein6. Nach erfolgreicher Vollbringung seiner Aufgaben 2 Archiv der Stadt Wien [ASW], Merkantil- und Wechselgericht, 1760-1850, P 399, fol. 6-11, 4. Juni 1824. 3 Stätni oblastni Archiv v Treboni, Zweigstelle Ôeskÿ Krumlov, Oktroyirte Wiener Commerzial-, Leih- und Wechselbank, Cassa Buch, 1802, 1803. 4 Haus-, Hof- und Staatsarchiv [HHStA] Wien, Kabinettsarchiv, Nachlaß [NL] Kolbielsky, 12. Juni 1801. 5 Holkammerarchiv [HKA] Wien, Kommerz, Rote Nummer 176, fol. 232-244. 6 HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, Karton 10-11, 18. Jänner 1799. 112

Next

/
Thumbnails
Contents