Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches

Regierung schien wieder zu Zugeständnissen bereit. Auch Štúr und Húrban zeigten sich unter diesen Voraussetzungen zu einer weiteren Zusammenarbeit bereit und wurden neben anderen zu sogenannten Vertrauensleuten des Volkes (Ľudoví dôverníci) ernannt, die in der Bevölkerung u.a. die Ziele der Wiener Politik erläutern und slowakische Aufstände unterstützen sollten. Vor allem auch nach der Kapitulation der Ungarn am 13. August gelang es ihnen, das nationale Bewusstsein der slowakischen Bevölkerung zu stärken und sie zu gesellschaftlicher Aktivität zu bewegen. Am 9. August setzte sich wieder ein slowakisches Freiwilligenkorps unter Lewartowski Richtung Mittelslowakei mit der Aufgabe in Bewegung, mag­yarische Guerillagruppen unter Kontrolle zu bekommen und der österreichischen und russischen Armee den Rücken frei zu halten. Und auch wenn weiterhin Debatten über die Zukunft Ungarns und der Slowakei geführt wurden, erfüllten sich die Wünsche der Slowaken nicht. Im Gegenteil, wiederum wurden Stellen bevorzugt mit magyarischen Altkonservativen besetzt (vor allem im Westen und der Mitte der Slowakei) und weitgehend vorrevolutionäre Verhältnisse wieder hergestellt, das heißt die in der Verfassung geforderte Gleichberechtigung größ­tenteils missachtet. Kritik an diesen Verhältnissen (verbunden mit der Forderung nach Beachtung der Verfassung) übten nicht nur Verfasser in tschechischen sowie österreichisch-deutschen Zeitungen, sondern auch slowakische Patrioten am 22. August 1849 in einem Promemoria. In der Tat wurden nach der Niederlage der Ungarn alle Pläne für die Zukunft der Monarchie erneut diskutiert, vor allem auf einer ab dem 17. September abgehaltenen Konferenz über die Zukunft Ungarns. In dieser Zeit (Mitte September bis Mitte Oktober) koordinierte vor allem Štúr eine weitgestreute Petitionsbewegung. Diese Petitionen sollten zeigen, dass die slowakischen nationalen Forderungen über eine breite Unterstützung in der Bevölkerung verfügen und nicht nur die Ideen einiger Radikaler und Panslawisten seien. Auch die Vertrauensleute der Regierung forderten am 10. September 1849 in einem Memorandum die Abtrennung der Slowakei von Ungarn und die Bildung eines selbständigen Kronlandes. Seit dem 15. September schließlich kamen Deputationen aus der West- und Mittelslowakei sowie aus dem Saroser Gau mit allerdings recht unter­schiedlichen Forderungen und Anliegen nach Wien. Die meisten beschränkten sich auf sprachliche und kulturelle Rechte und eine autonome Slowakei inner­halb Ungarns, nur wenige forderten ein eigenständiges Kronland. Dies wiederum forderten führende slowakische Politiker in einer Petition vom 10. Oktober 1849. Diese Bemühungen der Slowaken trafen jedoch einmal mehr auf den erbitterten Widerstand der (alt-)konservativen Beamten und Funktionäre, der bis hin zu strafrechtlichen Untersuchungen und Verfolgungen der Organisatoren führte. Diese beschuldigte man der Aufwiegelung der Bevölkerung gegen die Regierung, des Panslavismus, der Gefährdung der Reichseinheit usw. Der Widerstand zeigte letztlich Wirkung. Am Ende der Konferenz am 9. Oktober war die Einheit Ungarns als Kronland bestätigt, auch eine Autonomie der Slowakei innerhalb Ungarns wurde nicht zugestanden. Die 56

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